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Geschichte Mittelreich

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Die Geschichte des Mittelreichs beginnt nach seiner eigenen Zeitrechnung mit der Krönung Kaiser Samons I. in Kalesch. Die Ereignisse vor dieser Reichsgründung sind nur unvollständig überliefert. Kriege, der Verlust zahlreicher Archive und spätere Eingriffe des Ignatus-Kultes haben dazu geführt, dass im Mittelreich Legende, religiöse Lehre und historische Wirklichkeit eng miteinander verbunden sind.

Die folgende Darstellung unterscheidet daher zwischen der offiziellen Gründungserzählung, den nur wenigen Eingeweihten bekannten Hintergründen und der vergleichsweise gut belegten Geschichte der Kaiserzeit.

Zeitrechnung

Die mittelländische Zeitrechnung beginnt mit der Kaiserkrönung Samons I. an dessen 14. Geburtstag. Dieses Ereignis bildet das Jahr 1 der Reichsrechnung. Angaben wie „im Jahre 422“ oder „seit dem Jahre 617“ beziehen sich daher stets auf die Gründung des Kaiserreiches und nicht auf den Einschlag des großen Meteoriten oder den Beginn menschlicher Besiedlung auf Ganthor.

Die heute verbreitete Annahme, der Meteorit sei erst rund 1.000 Jahre vor der Gegenwart niedergegangen, beruht auf einem folgenreichen Irrtum der mittelländischen Geschichtsschreibung. Die Hintergründe werden im Abschnitt „1000 Jahre – Ein Zeitproblem“ erläutert.

Vor der Reichsgründung

Das heutige Kernland des Mittelreiches war seit dem sogenannten „Jahrzehnt der Dämmerung“ heftig umkämpft. Nach und nach gelang es den Menschen, ihre Gegner zurückzudrängen und dauerhaft Dörfer, Städte und kleine Königreiche zu errichten. In der späteren Überlieferung des Mittelreiches wird diese Epoche als „Beginn des Lichts“ bezeichnet.

Bereits damals schlossen Priester und Ordensritter des Ignatus Verträge mit den mächtigsten Königen der Mittellande. Obwohl diese Herrscher häufig miteinander verfeindet waren, verband sie ihr Schwur auf Ignatus. Aus diesem gemeinsamen religiösen Bezug entstand jedoch noch kein geeintes Reich. Erst die „Jahre des Blutes“ und die Ereignisse um König Germadil führten zur Vereinigung der Königreiche.

Die Gründung des Mittelreiches

Die offizielle Überlieferung

Die im Mittelreich allgemein gelehrte Gründungsgeschichte beginnt mit einem Bündnis zwischen den Königen Xarotanum und Isodrathros. Um ihre Fehde dauerhaft zu beenden, vermählten sie ihre Kinder Germadil und Alana miteinander. Die Verbindung der beiden mächtigsten Königreiche beunruhigte die übrigen Herrscher, dennoch erschienen sie zur Hochzeit, um der Zeremonie beizuwohnen.

Noch am Abend der Hochzeit geriet König Marror mit Xarotanum in Streit. Als beide ihre Waffen zogen, stellte sich der Priester Sogathor zwischen sie und wurde von Marrors Schwert tödlich getroffen. Isodrathros erschlug daraufhin Marror. Dessen Gefolgsleute wurden bis auf einen Boten getötet, der die Kriegserklärung überbringen sollte. Damit begannen die „Jahre des Blutes“, in denen schließlich sämtliche Königreiche der Mittellande gegeneinander kämpften. Da sich die Priester des Lichts aus dem Krieg heraushielten, eskalierte der Konflikt zu einem der grausamsten Kriege der menschlichen Überlieferung.

Viele Jahre später erreichte Germadil die Nachricht, dass ein Heer aus angeblich zehntausend Orks, Ogern und Riesen nördlich des Tafelbergs in das Herz der Mittellande zog. Die vom Bürgerkrieg erschöpften Königreiche schienen der Bedrohung kaum etwas entgegensetzen zu können. Germadil begab sich zur Hauptordensburg des Ignatus und bat tagelang um Unterstützung. Die Tore blieben der Legende zufolge verschlossen. Als er nach Kalesch zurückkehrte, soll jedoch ein geheimnisvolles Glitzern in seinen Augen gelegen haben.

Über dem heranziehenden Heer brach ein schwarzes Gewitter los. In der „längsten Nacht des Reiches“ hielten Germadil und seine Männer die Mauern Kaleschs. Im Morgengrauen öffneten sich die Tore, und der König führte 800 Ritter gegen die vermeintlich übermächtige Streitmacht. Die Ritter errangen den Sieg, wurden dabei jedoch fast vollständig vernichtet. Auch Germadil fiel, nachdem ihn ein orkischer Hauptmann tödlich verwundet hatte.

Die Überlebenden trugen den König nach Kalesch und bahrten ihn vor dem Heiligtum des Ignatus auf. Zur selben Zeit sollen alle anderen Könige denselben Traum gehabt haben: Ein Engel forderte sie auf, dem gefallenen Herrscher die gebührende Ehre zu erweisen. In Kalesch knieten sie vor Germadils Totenbahre nieder und schworen seiner Witwe Alana die Treue. Noch in derselben Nacht wurde verkündet, dass Alana einen Sohn gebären werde, den die Priester Samon zu nennen empfahlen.

Damit waren die Königreiche erstmals geeint. Kalesch wurde zur Hauptstadt, und Alana führte als Regentin die Geschäfte des jungen Reiches. Sie ließ die Grenzen sichern und zu Ehren des Ignatus eine gewaltige Kathedrale errichten, in der Germadil beigesetzt wurde. An seinem 14. Geburtstag übergab sie Samon Krone und Zepter. Mit seiner Krönung begann das Jahr 1 der mittelländischen Zeitrechnung.

Diese Erzählung ist bis heute Teil der religiösen und politischen Identität des Mittelreiches. Nahezu jedes Kind kennt Germadils Opfer, den Traum der Könige und den Treueschwur vor seiner Totenbahre.

Die verborgene Überlieferung

Nur wenigen Angehörigen der höchsten Weihegrade des Ignatus-Kultes sind Aufzeichnungen zugänglich, die der offiziellen Erzählung widersprechen. Ihnen zufolge war die Reichsgründung das Ergebnis geheimer Verhandlungen, religiöser Einflussnahme und eines sorgfältig vorbereiteten Betrugs:

  • Bei den vermeintlichen Angreifern handelte es sich nicht um ein geschlossenes Heer, sondern um halb verhungerte Orkstämme. Ein früher Winter hatte ihnen den Weg in ihre südwestlichen Winterlager versperrt; zugleich waren sie im Norden von den Nordländern vertrieben worden.
  • Der Ignatus-Kult bot den Orks Nahrung, Schutz und Unterstützung an. Im Gegenzug sollten sie bis vor Kalesch ziehen und dort eine Belagerung vortäuschen.
  • Unter dem Eindruck der nahenden Bedrohung brachte der Kult die verfeindeten Könige zu Geheimverhandlungen zusammen. Germadil, dessen Reich militärisch noch vergleichsweise stark war, verweigerte zunächst die Teilnahme.
  • Alana nahm ohne Wissen ihres Gemahls an den Verhandlungen teil. Dort verliebte sie sich in einen der anderen Könige. Welcher Herrscher der Vater Samons war, ist nicht überliefert.
  • Die Könige einigten sich auf eine gemeinsame Friedensordnung für die Zeit nach dem Abzug der Orks.
  • Als Germadil schließlich die Ordensburg aufsuchte, wurde er eingelassen und mit den Ergebnissen der Verhandlungen konfrontiert. Er verließ die Burg nach mehreren Tagen in dem Entschluss, die übrigen Könige durch seine eigene Tapferkeit zu überzeugen und den Einfluss des Ignatus-Kultes zurückzudrängen.
  • Zu der berühmten Schlacht vor Kalesch kam es nie. Die Orks hatten nur Scheinstellungen errichtet und waren bereits abgezogen. Germadil wurde stattdessen von Ordensrittern erwartet und hingerichtet.

Der angebliche Sieg, Germadils Tod und die religiös inszenierte Zusammenkunft der Könige schufen dennoch jene gemeinsame Erzählung, auf deren Grundlage das Mittelreich bestehen konnte. Ob alle Könige über den gesamten Plan informiert waren oder selbst nur Teile davon kannten, geht aus den erhaltenen Aufzeichnungen nicht hervor.

Die Kaiser des Mittelreiches

Die Kaiserchronik lässt sich in mehrere deutlich unterscheidbare Epochen gliedern: die Festigung unter den frühen Samon- und Meitas-Kaisern, die Ausweitung des Reiches, den Niedergang im 4. und 5. Jahrhundert, den langen Bürgerkrieg unter Danthares sowie die Neuordnung durch Desthard, die beiden Rethal und Illiasan.

Festigung des Reiches

Samon I. (1–67)

Mit der Krönung Samons I. wurden die zuvor eigenständigen Königreiche der Mittellande unter einer gemeinsamen Kaiserkrone vereinigt. Seine lange Herrschaft gab dem jungen Reich Zeit, gemeinsame Institutionen und eine neue politische Ordnung auszubilden. Die Thronfolge durch den ältesten Sohn, die mit seinem Nachfolger fortgesetzt wurde, entwickelte sich zum Regelfall des Mittelreiches.

Samon II. (67–102)

Samon II. trat als ältester Sohn nach dem Tod seines Vaters die Nachfolge an. Über seine Regierungszeit sind nur wenige herausragende Ereignisse überliefert. Ihre Bedeutung liegt vor allem in der friedlichen Fortsetzung der jungen Dynastie und der Festigung der Erbfolge.

Samon III. (102–136)

Samon III. gilt als bedeutender Bauherr. Ihm werden unter anderem die Errichtung der Kathedrale in Kalesch und der Festung Sonnenfaust zugeschrieben. Die gewaltigen Bauwerke machten den Anspruch des Kaiserreiches auch außerhalb der Hauptstadt sichtbar und stärkten zugleich Kirche, Grenzschutz und kaiserliche Repräsentation.

Meitas I. (136–183)

Nach dem Tod Samons III. ließ dessen zweite Frau Nesa die Söhne aus der ersten Ehe des Kaisers töten, um ihrem gemeinsamen Sohn Meitas die Krone zu sichern. Da Meitas zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, führte Nesa bis zum Jahre 149 die Regentschaft. Trotz des blutigen Beginns blieb Meitas I. fast ein halbes Jahrhundert auf dem Thron.

Meitas II. (183–198)

Meitas I. erhielt erst spät den ersehnten Thronfolger, dessen Geburt als Segen Bantialas galt. Meitas II. war jedoch zeitlebens kränklich und starb kinderlos im Alter von 37 Jahren. Sein Tod löste einen offenen Streit um die Nachfolge aus.

Samon IV. (198–228)

Vertreter des Ignatus-Kultes setzten schließlich den Anspruch des elfjährigen Samon IV. durch, eines Enkels einer Tochter Meitas I. Für die ersten vier Jahre führten Vertreter der Kirche die Regierungsgeschäfte. Auch später blieb der Kaiser deutlich unter ihrem Einfluss.

Meitas III. (228–256)

Meitas III. löste die Reichspolitik durch neue Gesetze und mit Unterstützung der Reichsritter aus dem unmittelbaren Einfluss der Kirchen. Als Gegenleistung erhielten die Kulte des Ignatus und Jedek das Recht, eigene Burgen zu unterhalten. Diese Anlagen sind bis heute wichtige Stützpunkte beider Kirchen.

Handel, Ausdehnung und Konflikte

Samon V. (256–281)

Samon V. ging als „Händlerkaiser“ in die Geschichte ein. Er pflegte enge Beziehungen zum Kult des Mernat und gründete den Hafen von Valoria. Unter seiner Herrschaft erreichte der Handel mit anderen Teilen Ganthors einen bis dahin unbekannten Umfang.

Samon VI. (281–297)

Samon VI. versuchte, das Reich nach Westen auszudehnen. Im Hügelland jenseits der Großen Handelsstraße ließ er neue Siedlungen anlegen. Orkangriffe, schlechte Witterung und hohe Kosten machten ihre dauerhafte Sicherung jedoch unmöglich. Bald nach seinem Tod verschwanden die meisten dieser Siedlungen wieder von den Karten.

Samon VII. (297–331)

Samon VII. wollte die nominell zum Mittelreich gehörenden Stadtstaaten der Südlande enger an die Krone binden. Seine Politik leitete einen langwierigen Konflikt ein, der unter seinem Nachfolger zur offenen Loslösung des Südens führte.

Meitas IV. (331–368)

Unter Meitas IV. erklärten die südlichen Stadtstaaten ihre Unabhängigkeit und schlossen sich zu einer Allianz zusammen. Der Kaiser setzte die Kriegszüge seines Vaters erfolglos fort. Noch im Alter von fast 60 Jahren bestand er auf einem weiteren Feldzug gegen Brandal, starb jedoch bereits auf der Reise nach Süden.

Niedergang und Bürgerkrieg

Samon VIII. (368–401)

Samon VIII. und sein Nachfolger Samon IX. gelten als schwache Kaiser. Ein Angriff der Orks im Norden band große Teile der Streitkräfte, während im Süden separatistische Kräfte an Einfluss gewannen. In dieser Zeit entstanden die Spannungen, die später im Bürgerkrieg offen ausbrachen.

Samon IX. (401–422)

Unter Samon IX. verloren Krone und Reichsverwaltung weiter an Macht. An der Grenze zu den Südlanden bildeten sich die heutigen Fürstentümer heraus. Viele lokale Herrscher handelten zunehmend unabhängig von Kalesch.

Danthares (422–546)

Im Jahre 424 stürmte ein Zirkel von Verschwörern aus dem Ritterstand den Kaiserpalast, tötete die Berater und Minister des Kaisers und setzte sich selbst als Reichsregierung ein. Im folgenden Bürgerkrieg wurde Danthares entführt und immer wieder von konkurrierenden Gruppen als Legitimationsfigur benutzt. Obwohl er den Kaisertitel trug, traf er seit dem Umsturz keine eigenen Regierungsentscheidungen mehr.

Im Jahre 488 belegte eine Gruppe von Todesmagiern den greisen Kaiser mit dem Zauber Schwarze Kanäle. Als Untoter blieb Danthares noch beinahe sechs Jahrzehnte lang ein Werkzeug wechselnder Machthaber. Erst 546 vernichtete ein Ignatus-Priester den unglücklichen Kaiser. Danthares hatte damit 124 Jahre lang nominell regiert, war aber 122 Jahre ohne tatsächliche Herrschaftsgewalt geblieben.

Desthard und die Wiederherstellung der Kaisergewalt

Desthard (546–564 und 566–568)

Desthard war Anführer eines Ritterordens des Ignatus und maßgeblich an der Vernichtung des untoten Danthares beteiligt. Nach mehr als einem Jahrhundert ohne handlungsfähigen Kaiser bestieg er im Jahre 546 selbst den Thron. Sein Herrschaftsantritt beendete zwar nicht alle Folgen des Bürgerkrieges, gab dem Reich aber erstmals wieder eine erkennbare Spitze.

Desthards Anspruch beruhte zunächst vor allem auf seiner Rolle bei der Beseitigung Danthares', seiner Stellung im Orden und seiner Fähigkeit, die kaiserliche Ordnung wiederherzustellen. Erst im Jahre 561 erhielt seine Herrschaft eine dynastische Begründung. Sein älterer Zwillingsbruder Fürst Mordwig legte eine Urkunde vor, welche die Abstammung beider Brüder von Kaiser Samon VI. belegen sollte, und forderte den Thron für sich. Desthard behauptete sich gegen Mordwig; der Fürst wurde nach einem versuchten Kaisermord aus dem Land verbannt. Unabhängig davon, wie verlässlich die vorgelegte Urkunde war, konnte Desthard fortan auch eine genealogische Verbindung zur alten Kaiserdynastie geltend machen.

Desthard widmete sich außerdem der Wiedergewinnung und Sicherung aufgegebener Randgebiete. Unter seiner Herrschaft entstanden neue Siedlungsprojekte im Westen und im Leeren Land. Viele dieser Vorhaben überlebten die späteren Krisen, gingen unter Rethal II. jedoch derart aus dem Blick der Reichsverwaltung verloren, dass die betreffenden Gebiete heute nicht mehr offiziell zum Mittelreich gerechnet werden.

Im Jahre 564 dankte Desthard zugunsten seines Sohnes Rethal ab. Als 566 der letzte Orkkrieg ausbrach und der junge Kaiser der Bedrohung nicht gewachsen war, übernahm der bereits alte Desthard erneut Krone und Oberbefehl. Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihm, die Gefahr abzuwenden. Danach räumte er den Thron ein zweites Mal für seinen Sohn.

Auch nach seiner endgültigen Abdankung blieb Desthard als oberster Feldmarschall eine tragende Stütze der Krone. Während der späteren Aufstände und Adelsfehden führte er die Truppen Rethals erfolgreich gegen die Gegner des Kaisers. Damit prägte Desthard über seine beiden eigentlichen Regierungszeiten hinaus fast die gesamte Herrschaft seines Sohnes. In der Rückschau gilt er als Wiederhersteller der kaiserlichen Handlungsfähigkeit, zugleich aber auch als Herrscher, dessen persönliche Autorität nicht dauerhaft auf seinen Nachfolger überging. Der von ihm geführte Ignatus-Ritterorden sank nach seinem Regierungsantritt weitgehend in die Bedeutungslosigkeit.

Die Rethal-Kaiser

Rethal I. (564–566 und 568–586)

Rethal I. bestieg den Thron erstmals nach der Abdankung seines Vaters. Der Orkkrieg zwang ihn jedoch bereits nach zwei Jahren, Desthard wieder die Regierung zu überlassen. Nach der Abwehr der Orks kehrte Rethal im Jahre 568 auf den Thron zurück.

Seine zweite Regierungszeit war von Aufständen der Fürsten, Fehden unter den Adelshäusern und zunehmender Unsicherheit auf den Straßen geprägt. Nur die militärische Unterstützung seines Vaters bewahrte seine Herrschaft vor dem Zusammenbruch. Im Jahre 586 wurde Rethal von fanatischen Anhängern des Gottes Beorn ermordet, die zu seinen eigenen Beratern gehörten.

Rethal II. (586–617)

Rethal II., der 21-jährige Sohn Rethals I., folgte seinem ermordeten Vater. Wegen der Verwicklung des Beorn-Ordens in das Attentat reformierte er das Adelswesen grundlegend: Fürsten und Barone waren fortan nicht länger selbst Reichsritter. Stattdessen sollten sie Ritter in ihren Diensten unterhalten und dem Kaiser im Kriegsfall Truppen stellen.

Die Trennung von Adel und Rittertum führte zu erheblichen Unruhen und offenem Widerstand. Rethal II. übertrug dem Jedek-Orden weitreichende Befugnisse, um seine Stellung zu sichern. Der Orden nutzte diese Macht, um ihm genehme Adelige in einflussreiche Ämter zu bringen. In dieser Umbruchszeit entwickelte sich die höfische Kultur der Fürsten von Cor, die von Anhängern älterer ritterlicher und beorngefälliger Ideale noch heute als verweichlicht abgelehnt wird.

Der Kaiser selbst widmete sich zunehmend seinen Vergnügungen. Gesetzlose und umherziehende Orkbanden behinderten Handel und Handwerk; entlegene Gebiete entglitten der Kontrolle Kaleschs. Auch Desthards Siedlungsprojekte wurden vernachlässigt. Während die Rechtsprechung des Jedek-Ordens in den Kernprovinzen vergleichsweise zuverlässig funktionierte, vermochte sie die allgemeine Unsicherheit außerhalb dieser Gebiete nicht zu beenden.

Illiasan und die Gegenwart

Illiasan (seit 617)

Nach mehr als zwei Jahrzehnten unter Rethal II. war die Lage des Reiches katastrophal. Illiasan, der halbelfische Adoptivsohn eines durch Rethals Reformen geschädigten Adeligen, führte eine ungewöhnliche Verschwörung aus Händlern und Rittern an. Als ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren, marschierte eine Streitmacht in den Thronsaal, nahm Rethal II. gefangen und rief Illiasan zum Kaiser aus.

Illiasan hob die Trennung von Adel und Rittertum wieder auf. Er gab den Fürsten die militärischen Befugnisse zurück, in ihren Ländern für Ordnung zu sorgen. Die Sicherheitslage besserte sich, Handel und Kultur erholten sich, und die lange Stagnation des Mittelreiches endete.

Die Wiederherstellung fürstlicher und ritterlicher Macht schuf jedoch neue Gefahren. Einige der gestärkten Herren stellen ihre Loyalität zum Kaiser erneut infrage. Weitere Spannungen entstanden, weil Illiasan darauf verzichtete, seine Herrschaft vom Jedek-Orden segnen zu lassen. Das Reich ist damit wieder handlungsfähig, doch das Verhältnis zwischen Kaiser, Fürsten, Ritterorden und Kirchen bleibt ungeklärt.

Überblick über die Kaiserzeit

Zeitraum Prägende Entwicklung
1–228 Gründung und Festigung des Reiches; Ausbildung der Erbfolge; wachsender Einfluss des Ignatus-Kultes
228–331 Stärkung von Kaisertum, Ritterstand und Handel; erste größere Expansionsversuche
331–422 Verlust der Südlande, äußere Kriege und wachsender Machtverlust der Krone
422–546 Bürgerkrieg und 124-jährige nominelle Herrschaft des machtlosen, später untoten Danthares
546–586 Wiederherstellung der Kaisergewalt durch Desthard; Orkkrieg, Aufstände und die unsichere Herrschaft Rethals I.
586–617 Reform des Adels, Aufstieg des Jedek-Ordens und Zerfall staatlicher Ordnung unter Rethal II.
seit 617 Machtübernahme Illiasans, Wiedererstarken von Handel und Fürstenmacht sowie neue Spannungen zwischen Krone, Adel und Kirchen

1000 Jahre – Ein Zeitproblem

Die mittelländische Reichsrechnung umfasst in der Gegenwart etwas mehr als 600 Jahre. Sie ist innerhalb der Kaiserchronik weitgehend schlüssig: Jahr 1 bezeichnet die Krönung Samons I., und alle späteren Regierungszeiten werden von diesem Ereignis aus gezählt. Das eigentliche Zeitproblem entsteht erst, wenn mittelländische Gelehrte diese Reichsrechnung mit der wesentlich älteren Geschichte Ganthors gleichsetzen.

Der große Meteorit schlug tatsächlich vor ungefähr 5.000 Jahren auf Ganthor ein. In den folgenden Jahrtausenden entwickelten sich die Menschen der Mittellande von nomadischen Gemeinschaften zu sesshaften Bauern und Handwerkern. Aus Dörfern wurden Städte, aus Stämmen entstanden Königreiche. Dieser lange Prozess dauerte annähernd 4.000 Jahre. In derselben Epoche entstanden oder erneuerten sich auch die Zivilisationen der Elfen, Zwerge, Orks und anderer Menschenvölker.

Die meisten dieser Kulturen nahmen erst innerhalb der letzten 2.000 Jahre dauerhaft Kontakt miteinander auf. Eine wichtige Ausnahme bildeten die Halblinge, die schon erheblich früher Beziehungen zu den Menschen in ihrer Umgebung unterhielten. Die Geschichtsschreiber mehrerer Völker hielten diese Begegnungen fest.

In den „Jahren des Blutes“ gingen jedoch zahlreiche mittelländische Bibliotheken, Archive und Chroniken verloren. Als nach der Gründung des Mittelreiches neue Archive aufgebaut wurden, ließ sich nur die Geschichte der jüngeren Jahrhunderte einigermaßen rekonstruieren. Die älteren Reiche und die lange Entwicklung seit dem Meteoriteneinschlag gerieten in Vergessenheit.

Aus dieser Überlieferungslücke entstand bei späteren mittelländischen Chronisten die Auffassung, der Meteorit sei erst vor ungefähr 1.000 Jahren niedergegangen. Nach dieser Rechnung wäre das Kaiserreich schon rund 300 Jahre nach dem Einschlag entstanden. Im Jahre 577 erklärte der Ignatus-Kult diese Lehre zum Dogma. Wer ihr öffentlich widerspricht, muss seither mit schweren Strafen rechnen.

Andere Völker besitzen deutlich ältere und genauere Aufzeichnungen. Zwerge können Kontakte zu mittelländischen Königen vor etwa 2.000 Jahren belegen; halblingische Archive reichen für solche Beziehungen sogar mehr als 4.000 Jahre zurück. Auch die lange isolierten Stadtstaaten der Südlande verfügen trotz großer Lücken über eine Geschichtsschreibung der letzten 2.500 Jahre. Ihre Zeugnisse widersprechen der offiziellen Lehre des Mittelreiches eindeutig.

Diese Belege ändern im Mittelreich dennoch wenig. Zwerge und Halblinge vermeiden aus Rücksicht auf ihre Handelsbeziehungen meist eine offene Auseinandersetzung mit den Kulten. Südländische Gelehrte gelten dem Ignatus-Kult als Ketzer und finden daher kaum Gehör. Elfen verfügen ebenfalls über ältere Überlieferungen, halten sich jedoch weitgehend aus dem inneren Streit der mittelländischen Kirchen heraus.

Das „Zeitproblem“ ist somit keine widersprüchliche Kaiserchronik, sondern ein innerweltlicher Konflikt zwischen verschiedenen Geschichtsbildern:

  • Tatsächliche Zeit seit dem Meteoriteneinschlag: ungefähr 5.000 Jahre
  • Offizielle Lehre des Mittelreiches: ungefähr 1.000 Jahre
  • Beginn der mittelländischen Reichsrechnung: Krönung Samons I. im Jahr 1
  • Gegenwart: seit dem Jahr 617 der Reichsrechnung

Die Abweichung von rund 4.000 Jahren erklärt, warum Angaben mittelländischer Chronisten mit den Aufzeichnungen anderer Völker oder mit sehr alten Ruinen und Funden unvereinbar erscheinen können. Solche Unterschiede sind Teil der Welt und ihrer politischen Geschichtsschreibung, nicht zwingend ein Fehler der Zeitrechnung.