Zum Inhalt springen

Geschichte Mittelreich: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Meister der Magie Wiki
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
 
(Eine dazwischenliegende Version desselben Benutzers wird nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
==Die Kaiser des Mittelreiches==
Die Geschichte des [[Mittelreich]]s beginnt nach seiner eigenen Zeitrechnung mit der Krönung Kaiser Samons I. in [[Kalesch]]. Die Ereignisse vor dieser Reichsgründung sind nur unvollständig überliefert. Kriege, der Verlust zahlreicher Archive und spätere Eingriffe des [[Kult des Ignatus|Ignatus-Kultes]] haben dazu geführt, dass im Mittelreich Legende, religiöse Lehre und historische Wirklichkeit eng miteinander verbunden sind.
===Samon I. 1-67===
Unter seiner Krone wurden vor inzwischen 617 Jahren die einzelnen Königreiche der heutigen [[:Kategorie:Mittelreich|Mittellande]] erstmals geeint. Näheres zu dieser Episode [[#Entstehungsgeschichte des Mittelreichs|unten]]
===Samon II. 67-102===
Als ältester Sohn trat er die Nachfolge seines Vaters nach dessen Tod an. Diese Art der Thronfolge stellt im Mittelreich den Regelfall dar.
===Samon III. 102-136===
Samon III. gilt noch heute als Erbauer bedeutender Gebäude des Reiches, wie die Kathedrale in [[Kalesch]] oder die Festung [[Sonnenfaust]].
===Meitas I. 136-183===
Nach dem Tod Samons III. ließ dessen zweite Frau Nesa alle Söhne aus seiner ersten Ehe töten, um den gemeinsamen Sohn Meitas auf den Thron zu bringen. Dieser war zu diesem Zeitpunkt allerdings erst drei Jahre alt, daher übernahm sie selbst bis zum Jahre 149 die Regentschaft.
===Meitas II. 183-198===
Meitas I. war es lange Zeit nicht vergönnt einen Thronfolger zu zeugen. Erst spät in seinem Leben gewährte [[Bantiala]] ihren Segen und schenkte ihm den lang ersehnten Sohn: Meitas II. Allerdings war er Zeit seines Lebens kränklich und verstarb kinderlos mit 37 Jahren.
===Samon IV. 198-228===
Der frühe Tod Meitas II. löste zwischen den Adelshäusern Streitigkeiten aus, da er keine Nachkommen hinterlassen hatte. Vertreter der [[Kult des Ignatus|Ignatus-Kirche]] setzten schließlich den Anspruch Samons IV. durch, des elfjährigen Enkels einer Tochter Meitas I., und übernahmen gleich selbst für vier Jahre die Regierungsgeschäfte. Samon IV. stand noch Zeit seines Lebens deutlich erkennbar unter dem Einfluss der Kirche.
===Meitas III. 228-256===
Meitas III. löste die Geschicke des Reiches vom Einfluss der Kirchen durch geschickt formulierte Gesetze und die Unterstützung der Reichsritter. Als Gegenleistung erhielten die Kulte des Ignatus und Jedek das Recht, [[Trutzburgen des Jedek|eigene Burgen]] zu unterhalten, die noch heute als wichtigste Stützpunkte der Kirchen dienen. 
===Samon V. 256-281===
Samon V. gilt als der "Händlerkaiser": Er unterhielt beste Beziehungen zum [[Kult des Mernat]] und gründete den Hafen von [[Valoria]]. Unter seiner Herrschaft erblühte der Handel mit dem Rest Ganthors in einer nie dagewesenen Form.
===Samon VI. 281-297===
Samon VI. versuchte das Gebiet des Mittelreichs auszuweiten und lies im [[Hügelland]] im Westen der [[Große Handelsstraße|großen Handelsstraße]] Siedlungen errichten. Der Unterhalt und die Sicherung dieser Siedlungen erwies sich jedoch aufgrund von Orks und der schlechten Witterung als zu kostspielig, sodass die Siedlungen bald nach Samons Tod von der Landkarte verschwanden. 
===Samon VII. 297-331===
Die Bestrebungen Samons VII., die nominell zum Reich gehörenden Stadtstaaten der [[:Kategorie:Südlande|Südlande]] stärker einzubinden, leiteten einen Konflikt ein, der unter Meitas IV. zur Unabhängigkeit und Bildung einer Allianz der Stadtstaaten führte, was den Konflikt aber noch lange nicht beendete.
===Meitas IV. 331-368===
Meitas IV. führte die Kriegszüge seines Vaters im Süden erfolglos fort. Im Alter von fast 60 Jahren bestand er darauf, erneut einen Kriegszug gegen [[Brandal]] zu führen, verstarb jedoch auf der Reise nach Süden. 
===Samon VIII. 368-401===
Samon VIII. und sein Nachfolger Samon IX. gelten als schwache Kaiser, unter denen schon der Konflikt schwelte, der schließlich unter Danthares als Bürgerkrieg zum Ausbruch kam. Der Beginn des Niedergangs war ein Angriff von Orks im Norden, der alle militärischen Kräfte band und sezessionistische Einflüsse im Süden begünstigte.


===Samon IX. 401-422===
Die folgende Darstellung unterscheidet daher zwischen der offiziellen Gründungserzählung, den nur wenigen Eingeweihten bekannten Hintergründen und der vergleichsweise gut belegten Geschichte der Kaiserzeit.
Unter der Herrschaft Samon IX. verfielen Macht und Einfluss des Reiches immer mehr und es entstanden die heutigen [[Fürstentümer]] an der Grenze zu den Südlanden.
===Danthares 422-546===
Im Jahre 424 stürmte ein Zirkel von Verschwörern aus dem Ritterstand den Kaiserpalast, tötete alle Berater und Minister des Kaisers und setzte sich selbst als Reichsregierung ein. Im Laufe des hierdurch ausgelösten Bürgerkrieges wurde Kaiser Danthares entführt und wechselte fortan als Legitimationsfigur wie eine Puppe unter den verschiedenen konkurrierenden Machtgruppen den "Besitzer". Eine Gruppe von Todesmagiern sprach im Jahre 488 den Zauber [[Zauber der Todesmagie#Dritter Grad|Schwarze Kanäle]] auf den Greis, so dass das üble Spiel noch fast 70 Jahre weiter getrieben werden konnte, bis schließlich im Jahre 546 ein Ignatus-Priester den unglücklichen Untoten vernichtete, der für 124 Jahre der Kaiser genannt wurde und doch seit 122 Jahren keine Regierungsentscheidung mehr getroffen hatte.


===Desthard 546-564===
== Zeitrechnung ==
Desthard war der Anführer des nach seinem Amtsantritt in der Bedeutungslosigkeit versunkenen Ignatus-Ritterordens, der 546 Danthares eliminierte. Im Jahre 561 trat sein älterer Zwillingsbruder [[Fürst Mordwig]] auf und forderte die Herrschaft für sich, indem er eine Urkunde präsentierte, die die Abstammung des Bruderpaares von Kaiser Samon VI. bewies. Desthard verteidigte seinen Thron und konnte sich fortan zudem auf eine genealogische Legitimation stützen, was vorher überhaupt keine Rolle gespielt hatte.
===Rethal I. 564-566===
Desthard dankte im Jahre 564 zugunsten seines Sohnes Rethal ab, übernahm aber nach dem Ausbruch des letzten Orkkrieges im Jahre 566 wieder die Regierung, als sich sehr schnell herausgestellt hatte, dass der junge Rethal überfordert war. Zwei Jahre später nach der Abwendung der Bedrohung räumte er den Thron wieder.


===Desthard 566-568===
Die mittelländische Zeitrechnung beginnt mit der Kaiserkrönung Samons I. an dessen 14. Geburtstag. Dieses Ereignis bildet das Jahr 1 der Reichsrechnung. Angaben wie „im Jahre 422“ oder „seit dem Jahre 617“ beziehen sich daher stets auf die Gründung des Kaiserreiches und nicht auf den Einschlag des großen Meteoriten oder den Beginn menschlicher Besiedlung auf [[Ganthor]].
===Rethal I. 568-586===
Nach der Abwendung der Orks durch die kurze Übernahme des greisen Desthards, regierte Rethal weitere 18 Jahre. Wie sich jedoch leider bald erwies, war Rethals Herrschaft vom Pech verfolgt. Aufstände der Fürsten und interne Fehden in Adelskreisen destabilisierten das Reich und auf den Straßen trieben als Folge des Krieges Gesetzlose ihr Unwesen. Nur mit Hilfe des alten Desthards, der trotz seines Alters als oberster Feldmarschall die Truppen des Kaisers erfolgreich gegen die Aufständischen führte, blieb Rethals Thron erhalten. Rethals unglücklicher Herrschaft folgte ein unglückliches Ende: Er wurde von fanatischen Anhängern des Gottes Beorn, die zu seinen Beratern gehörten, in seinem eigenen Palast ermordet.


===Rethal II. 586-617===
Die heute verbreitete Annahme, der Meteorit sei erst rund 1.000 Jahre vor der Gegenwart niedergegangen, beruht auf einem folgenreichen Irrtum der mittelländischen Geschichtsschreibung. Die Hintergründe werden im Abschnitt [[#1000 Jahre – Ein Zeitproblem|„1000 Jahre – Ein Zeitproblem“]] erläutert.
Retahl II., der 21 jährige Sohn Rethals I., kam durch die Ermordung seines Vaters auf den Thron: Aufgrund der Verwicklung des Beorn Ordens in das Attentat reformierte Retahl II. als eine der ersten Amtshandlungen das Adelswesen: Fürsten und Barone waren nun nicht mehr Reichsritter, vielmehr hatte der Adel Ritter in seinen Diensten und musste dem Kaiser im Kriegsfall Soldaten und Ritter stellen. Die Trennung von Adel und Rittertum führte zu großen Unruhen im Reich und öffentlichen Aufbegehren gegen den Kaiser. Rethal II. -ein genusssüchtiger und hedonistischer junger Mann- sah die Gefahr und gab dem Jedek Orden große Befugnisse, um der Gefahr Herr zu werden. Er selbst gab sich eher seinen Vergnügungen hin als der Politik. Somit gelang es dem Jedek Orden seine Macht auszubauen und neue dem Orden genehme Adelige in Einflussreiche Positionen zu bringen. Die höfische Kultur der Fürsten des Landes [[Cor]] entstand in dieser Zeit des Umbruchs und wird von Anhängern der alten ritterlichen  (und Beorngefälligen) Ideale immer noch als weich und schwach angesehen.


Das offensichtliche Desinteresse Rethals II. an Politik machte sich jedoch mit der Zeit auch am Zustand des Reiches bemerkbar: Die schon durch Rethal I. nicht behobenen Probleme durch Gesetzlose und herumziehende Orkbanden verschlimmerten sich zusehends und wirkten sich lähmend auf Handel und Handwerk aus. Auch wurden die Destahrds Siedlungsprojekte im Westen und im leeren Land von Rethal II. derart vernachlässigt, dass sie heute nicht mehr offiziell zum Reichsgebiet gezählt werden -trotz einiger überlebender Siedlungen. 
== Vor der Reichsgründung ==


===Illiasan 617-heute===
Das heutige Kernland des Mittelreiches war seit dem sogenannten „Jahrzehnt der Dämmerung“ heftig umkämpft. Nach und nach gelang es den Menschen, ihre Gegner zurückzudrängen und dauerhaft Dörfer, Städte und kleine Königreiche zu errichten. In der späteren Überlieferung des Mittelreiches wird diese Epoche als „Beginn des Lichts“ bezeichnet.
Die Situation des Reiches unter Rethal II. war nach 20 Jahren gelinde gesagt katastrophal: Die Rechtssprechung des Jedekorden war zwar in den Kernprovinzen gesichert, doch konnte dem Verbrechen und der Gesetzlosigkeit auf den Straßen und in den entlegenen Gebieten des Reiches nicht Einhalt geboten werden. Derweil lebte der Kaiser in Saus und Braus und kümmerte sich wenig um die Nöte seiner Untertanen.


Illiasan, ein halbelfischer Adoptivsohn eines von den Reformen Rethals II. betroffenen Adeligen, war der Anführer einer ungewöhnlichen Verschwörung von Händlern und Rittern. Als die Verschwörung die Zeit gekommen sah, marschierte eine Streitmacht von Rittern einfach in die Thronräume, nahm Rethal II. gefangen und proklamierte Illiasan als Kaiser.  
Bereits damals schlossen Priester und Ordensritter des Ignatus Verträge mit den mächtigsten Königen der [[Mittellande]]. Obwohl diese Herrscher häufig miteinander verfeindet waren, verband sie ihr Schwur auf Ignatus. Aus diesem gemeinsamen religiösen Bezug entstand jedoch noch kein geeintes Reich. Erst die „Jahre des Blutes“ und die Ereignisse um König [[Germadil]] führten zur Vereinigung der Königreiche.


Illiasan machte die Trennung von Rittertum und Adel umgehend rückgängig und gab den Fürsten wieder die Befugnisse militärisch für Ordnung zu sorgen, was die Situation bald spürbar besserte. Auch Kultur und Handel erblühten wieder und beendeten die lange Stagnation des Mittelreichs.
== Die Gründung des Mittelreiches ==


Mit der wieder erlangten Macht geben jedoch einige Ritter und Fürsten die Loyalität zu Illiasan auf und die Entscheidung, sich nicht den Segen des Jedek Orden geben zu lassen, sorgt für weitere Spannungen im Reich.
=== Die offizielle Überlieferung ===


==Entstehungsgeschichte des Mittelreichs==
Die im Mittelreich allgemein gelehrte Gründungsgeschichte beginnt mit einem Bündnis zwischen den Königen Xarotanum und Isodrathros. Um ihre Fehde dauerhaft zu beenden, vermählten sie ihre Kinder Germadil und Alana miteinander. Die Verbindung der beiden mächtigsten Königreiche beunruhigte die übrigen Herrscher, dennoch erschienen sie zur Hochzeit, um der Zeremonie beizuwohnen.
Das heutige Herz des Reiches war seit dem so genannten "Jahrzehnt der Dämmerung" ein umkämpftes Gebiet. Die tapferen Männer, die in diese Lande gezogen waren, schafften es aber, nach und nach jeden Feind weit zurückzutreiben und so das Land für sich zu beanspruchen. Diese alte Zeit wird heutzutage als der "Beginn des Lichts" bezeichnet. Tatsächlich reicht die Tradition des [[Kult des Ignatus|Ordens des Ignatus]] bis dorthin zurück, als erste Verträge mit den mächtigsten Königen der [[:Kategorie:Mittelreich|Mittellande]] geschlossen wurden. Damals waren die Mittellande in verschiedene Königreiche gespalten, doch alle einte der Schwur auf Ignatus und ließ sie mit den Jahren zusammenwachsen.


Der König Xarotanum, ein Hüne von einem Mann und ein erfahrener Kämpfer im Felde, und Isodrathros, ein listenreicher, weiser Mann im besten Alter, legten ihre Fehden bei und vermählten zum Zeichen des Bündnisses ihre Kinder Germadil und Alana miteinander. Den übrigen Königen war der mächtige Bund zwischen den beiden größten Reichen alles andere als recht, und doch erschienen sie alle am Tage der Hochzeit, um Zeuge zu werden, wie die Priester die Zeremonie vollziehen würden. Am selben Abend, die frisch Vermählten hatten sich gerade in ihre Gemächer zurückgezogen, wurde aus einer Nichtigkeit unter den Gästen ein Streit entfacht, der folgenschwer sein sollte. Marror, einer der heißblütigsten Könige des Landes, geriet in Streit mit Xarotanum, und beide zogen ihre Waffen und waren bereit, die Auseinandersetzung auszufechten. Der Priester Sogathor stellte sich zwischen die beiden und wurde von Marrors Schwert durchbohrt. Sterbend sank er in Xarotanums Hände. Isodrathros erstach daraufhin Marror von hinten durch die Brust. Alle Anhänger Marrors bis auf einen wurden auf der Stelle getötet, und der verbliebene wurde alleine ausgesandt, um dem Reich Marrors die Kriegserklärung zu überbringen. Die "Jahre des Blutes" begannen für die Mittellande, eine Zeit, die zwischen dem Beginn eines strahlenden neuen Tages und dem Beginn einer grauenhaften Nacht hin und her schwankte. Sämtliche Könige wurden in den Krieg mit einbezogen, und da sich die Priester des Lichts aus diesem Krieg heraushielten, wurde es der erbarmungsloseste und brutalste Krieg, den die Menschheit bislang erlebt hatte.
Noch am Abend der Hochzeit geriet König Marror mit Xarotanum in Streit. Als beide ihre Waffen zogen, stellte sich der Priester Sogathor zwischen sie und wurde von Marrors Schwert tödlich getroffen. Isodrathros erschlug daraufhin Marror. Dessen Gefolgsleute wurden bis auf einen Boten getötet, der die Kriegserklärung überbringen sollte. Damit begannen die „Jahre des Blutes“, in denen schließlich sämtliche Königreiche der Mittellande gegeneinander kämpften. Da sich die Priester des Lichts aus dem Krieg heraushielten, eskalierte der Konflikt zu einem der grausamsten Kriege der menschlichen Überlieferung.


Nach vielen Jahren des Krieges erreichte den König Germadil, inzwischen zu einem stattlichen Mann herangereift, die schreckliche Kunde eines Boten: Ein Heer von zehntausend [[Orks]], [[Oger]]n und [[Riese]]n zog nördlich des [[Tafelberg]]s mitten in das Herz der Mittellande. Die Truppen, müde vom Kämpfen, sahen dieser gewaltigen Armee hoffnungslos entgegen. Germadil reiste mit einer kleinen Gesandtschaft zur Hauptordensburg des Ignatus, zerriss seine Kleidung, ließ sich auf seine Knie fallen und betete tagelang vor den verschlossenen Toren um Hilfe.
Viele Jahre später erreichte Germadil die Nachricht, dass ein Heer aus angeblich zehntausend [[Orks]], [[Oger]]n und [[Riesen]] nördlich des [[Tafelberg]]s in das Herz der Mittellande zog. Die vom Bürgerkrieg erschöpften Königreiche schienen der Bedrohung kaum etwas entgegensetzen zu können. Germadil begab sich zur Hauptordensburg des Ignatus und bat tagelang um Unterstützung. Die Tore blieben der Legende zufolge verschlossen. Als er nach Kalesch zurückkehrte, soll jedoch ein geheimnisvolles Glitzern in seinen Augen gelegen haben.


Die Tore öffneten sich nicht, doch es wird erzählt, dass Germadil mit einem seltsamen, geheimnisvollen Glitzern in den Augen zurück nach [[Kalesch]] reiste. Die Stadttore wurden geschlossen, und die völlig überfüllte Stadt rüstete sich, um wenigstens einen ehrenvollen Tod zu sterben. Mit dem anrückenden Heer der Orks zog ein pechschwarzes Gewitter über das Land, so dass Himmel und Erde zugleich verdunkelt wurden. Der König selbst befehligte seine Männer und schaffte es, in der ersten Nacht des Ansturms, der "längsten Nacht des Reiches", wie sie heute genannt wird, die Mauern zu halten. Im Morgengrauen wurden die Haupttore der Stadt geöffnet, und 800 Ritter mit ihrem König an der Spitze ritten in vollem Galopp über die Feinde hinweg. Auf freiem Feld formierten sie sich in einer langen Reihe und erwarteten den Feind.
Über dem heranziehenden Heer brach ein schwarzes Gewitter los. In der „längsten Nacht des Reiches“ hielten Germadil und seine Männer die Mauern Kaleschs. Im Morgengrauen öffneten sich die Tore, und der König führte 800 Ritter gegen die vermeintlich übermächtige Streitmacht. Die Ritter errangen den Sieg, wurden dabei jedoch fast vollständig vernichtet. Auch Germadil fiel, nachdem ihn ein orkischer Hauptmann tödlich verwundet hatte.


Um die folgende Schlacht ranken sich mittlerweile mehr Legenden, als ein [[Rotbärte|Rotbart]] Haare am Kinn hat, aber soviel ist sicher: Germadil und seine Ritter kämpften wie wahre Helden. Kaum eine Stunde nach Sonnenaufgang flüchteten einzelne Trupps der gewaltigen Orkarmee, und eine weitere Stunde später verließ jeden nichtmenschlichen Angreifer der Mut gegenüber diesen übermächtigen Gegnern. Die Ritterschar wurde in dieser Schlacht fast völlig vernichtet, kaum eine halbe Hundertschaft überlebte die Schlacht, aber jeder von ihnen nahm Dutzende Feinde mit in den Tod. Germadil selbst wurde von einem orkischen Hauptmann schwer verletzt und starb, sein Schwert in Händen, auf dem Schlachtfeld.
Die Überlebenden trugen den König nach Kalesch und bahrten ihn vor dem Heiligtum des Ignatus auf. Zur selben Zeit sollen alle anderen Könige denselben Traum gehabt haben: Ein Engel forderte sie auf, dem gefallenen Herrscher die gebührende Ehre zu erweisen. In Kalesch knieten sie vor Germadils Totenbahre nieder und schworen seiner Witwe Alana die Treue. Noch in derselben Nacht wurde verkündet, dass Alana einen Sohn gebären werde, den die Priester Samon zu nennen empfahlen.


Die überlebenden Ritter trugen den König in einer feierlichen Prozession in die Stadt und bahrten ihn vor dem Heiligtum des Ignatus auf. Tausende kamen und beweinten bitterlich den Verlust ihres Königs, gleichwohl wissend, dass er sein Leben für alle geopfert hatte.
Damit waren die Königreiche erstmals geeint. Kalesch wurde zur Hauptstadt, und Alana führte als Regentin die Geschäfte des jungen Reiches. Sie ließ die Grenzen sichern und zu Ehren des Ignatus eine gewaltige Kathedrale errichten, in der Germadil beigesetzt wurde. An seinem 14. Geburtstag übergab sie Samon Krone und Zepter. Mit seiner Krönung begann das Jahr 1 der mittelländischen Zeitrechnung.


Die anderen Könige erfuhren von dem schrecklichen Orkheer und schmiedeten schon ihre Pläne, um das Reich des toten Königs trotz seiner noch blutjungen Witwe zu übernehmen, als jeder einzelne von ihnen denselben Traum hatte: Ein Engel erschien und forderte die Ehrerbietung, die sich gehört, wenn ein König stirbt. So brachen zeitgleich alle Könige nach Kalesch auf, um sich im höchsten Heiligtum zusammenzufinden.
Diese Erzählung ist bis heute Teil der religiösen und politischen Identität des Mittelreiches. Nahezu jedes Kind kennt Germadils Opfer, den Traum der Könige und den Treueschwur vor seiner Totenbahre.


Schweigend schritten sie an den toten König heran. Er schien, als wäre er gerade eben erst gestorben, voller Würde und mit strengem und zugleich gütigem Gesicht lag er den Königen zu Füßen. Königin Alana trat an seine Totenbahre und sah langsam mit traurigem Blick in die Runde. Da sank ein König nach dem anderen auf die Knie und schwor ihr auf alle Zeit die Treue.
=== Die verborgene Überlieferung ===
Es ist nie endgültig geklärt worden, was die Könige zu einem solchen Schritt veranlasste – sie selbst berichteten, dass sie beim Anblick des toten Königs von einer so gewaltigen Kraft im Herzen ergriffen wurden, dass sie aus tiefster Überzeugung diesen Schritt vollzogen. Gleichzeitig wurde Alana noch in derselben Nacht verkündet, dass sie einen Sohn gebären werde; Priester legten ihr nahe, sie solle ihn Samon nennen.


Die Königreiche wurden geeint, und Kalesch wurde die Hauptstadt des neuen Mittelreiches und entwickelte sich binnen weniger Jahrzehnte zur prächtigsten und größten Stadt auf ganz [[Ganthor]]. In den folgenden Jahren fassten die Anhänger des Ignatus in allen Regionen des jetzt zum ersten Mal geeinten Reiches wieder Fuß und verbreiteten sich schnell.
Nur wenigen Angehörigen der höchsten Weihegrade des Ignatus-Kultes sind Aufzeichnungen zugänglich, die der offiziellen Erzählung widersprechen. Ihnen zufolge war die Reichsgründung das Ergebnis geheimer Verhandlungen, religiöser Einflussnahme und eines sorgfältig vorbereiteten Betrugs:
Die Geburt Samons läutete den Anbeginn einer neuen Zeit ein, einer Zeit, die frei war von Angst vor Krieg und Intrigen. Schnell wurden die Grenzen befestigt und gesichert, auf dass kein weiterer Orkkrieg mehr bis in das Herz des Landes vordringen konnte. Zu Ehren des Lichtbringers Ignatus wurde in Kalesch eine gewaltige Kathedrale gebaut, in der Germadil feierlich beigesetzt wurde. Königin Alana erwies sich als geschickte Regentin, bis sie schließlich ihrem Kind Samon zu seinem 14. Geburtstag Krone und Zepter überreichte.


''Soweit die Legende, wie sie jedem Kind im Mittelreich bekannt ist.''
* Bei den vermeintlichen Angreifern handelte es sich nicht um ein geschlossenes Heer, sondern um halb verhungerte Orkstämme. Ein früher Winter hatte ihnen den Weg in ihre südwestlichen Winterlager versperrt; zugleich waren sie im Norden von den [[Nordländer]]n vertrieben worden.
* Der Ignatus-Kult bot den Orks Nahrung, Schutz und Unterstützung an. Im Gegenzug sollten sie bis vor Kalesch ziehen und dort eine Belagerung vortäuschen.
* Unter dem Eindruck der nahenden Bedrohung brachte der Kult die verfeindeten Könige zu Geheimverhandlungen zusammen. Germadil, dessen Reich militärisch noch vergleichsweise stark war, verweigerte zunächst die Teilnahme.
* Alana nahm ohne Wissen ihres Gemahls an den Verhandlungen teil. Dort verliebte sie sich in einen der anderen Könige. Welcher Herrscher der Vater Samons war, ist nicht überliefert.
* Die Könige einigten sich auf eine gemeinsame Friedensordnung für die Zeit nach dem Abzug der Orks.
* Als Germadil schließlich die Ordensburg aufsuchte, wurde er eingelassen und mit den Ergebnissen der Verhandlungen konfrontiert. Er verließ die Burg nach mehreren Tagen in dem Entschluss, die übrigen Könige durch seine eigene Tapferkeit zu überzeugen und den Einfluss des Ignatus-Kultes zurückzudrängen.
* Zu der berühmten Schlacht vor Kalesch kam es nie. Die Orks hatten nur Scheinstellungen errichtet und waren bereits abgezogen. Germadil wurde stattdessen von Ordensrittern erwartet und hingerichtet.


Nur einer Handvoll Personen aus den höchsten Weihegrade der Ignatus-Kirche sind heute noch die folgenden Fakten bekannt:
Der angebliche Sieg, Germadils Tod und die religiös inszenierte Zusammenkunft der Könige schufen dennoch jene gemeinsame Erzählung, auf deren Grundlage das Mittelreich bestehen konnte. Ob alle Könige über den gesamten Plan informiert waren oder selbst nur Teile davon kannten, geht aus den erhaltenen Aufzeichnungen nicht hervor.
*Bei den Orks, die auf Kalesch marschierten, handelte es sich nicht um ein Heer, sondern um halbverhungerte Stämme. Ein früher Wintereinbruch hatte ihnen den Weg in die Winterlager des Südwestens abgeschnitten, und im Norden waren sie von den [[Nordländer|Bronnen]] verjagt worden. Die Ignatus-Kirche witterte eine Gelegenheit, die "Jahre des Blutes" zu beenden, und konnte die Orks mit der Zusicherung von Nahrung, Schutz und Unterstützung dafür gewinnen, bis kurz vor Kalesch zu ziehen und eine Belagerung vorzutäuschen.
*Unter Hinweis auf das nahende Ork-Heer konnte die Ignatus-Kirche endlich Geheimverhandlungen zwischen den Königen einleiten. Nur der noch verhältnismäßig gut dastehende König Germadil verweigerte die Teilnahme und kämpfte unerbittlich weiter.
*Ohne sein Wissen nahm Königin Alana an den Treffen teil. Dort verliebte sie sich in einen der anderen Könige (welchen genau, ist nicht bekannt), und Samon wurde gezeugt.
*Im Laufe der Verhandlungen einigten sich die Könige auf eine Friedensordnung nach der Abwehr der Orks.
*Als Germadil schließlich doch die Ordensburg aufsuchte, wurde er sofort eingelassen und mit den Ergebnissen der Geheimverhandlungen konfrontiert. Nach mehreren Tagen verließ Germadil wütend die Burg mit dem Entschluss, die anderen Könige durch Tapferkeit zu überzeugen und so die Ignatus-Kirche auszubooten.
*Bei Germadils Ausfall kam es nie zu einer Schlacht: Die Orks hatten nur Scheinstellungen angelegt und waren längst wieder abgezogen. Statt dessen wurde Germadil von Ordensrittern erwartet und hingerichtet.


==1000 Jahre – Ein Zeitproblem==
== Die Kaiser des Mittelreiches ==
Seit dem Einschlag des Meteoriten vor ca. 5000 Jahren hatten sich die Menschen der [[:Kategorie:Mittelreich|Mittellande]] von Nomaden zu sesshaften Bauern und Handwerkern entwickelt. Mit der Zeit entstanden aus Dörfern Städte und aus Stämmen Königreiche. Dieser Prozess nahm ungefähr 4000 Jahre in Anspruch. In diesen vier Jahrtausenden entstanden auch die Zivilisationen der [[:Kategorie:Elfen|Elfen]], [[:Kategorie:Zwerge|Zwerge]] und [[Orks]], genau wie die der anderen Menschenvölker. Erst in den letzten 2000 Jahren waren die entstandenen oder wiederhergestellten Zivilisationen der Rassen [[Ganthor]]s  in der Lage oder gewillt, Kontakte zu anderen Völkern herzustellen (mit Ausnahme der [[:Kategorie:Halblinge|Halblinge]], die sehr schnell Kontakt zu den Menschen in ihrer Nähe aufnahmen). All dies wurde von den Geschichtsschreibern der Völker vermerkt und belegt.
 
Die Kaiserchronik lässt sich in mehrere deutlich unterscheidbare Epochen gliedern: die Festigung unter den frühen Samon- und Meitas-Kaisern, die Ausweitung des Reiches, den Niedergang im 4. und 5. Jahrhundert, den langen Bürgerkrieg unter Danthares sowie die Neuordnung durch Desthard, die beiden Rethal und Illiasan.
 
=== Festigung des Reiches ===
 
==== Samon I. (1–67) ====
 
Mit der Krönung Samons I. wurden die zuvor eigenständigen Königreiche der Mittellande unter einer gemeinsamen Kaiserkrone vereinigt. Seine lange Herrschaft gab dem jungen Reich Zeit, gemeinsame Institutionen und eine neue politische Ordnung auszubilden. Die Thronfolge durch den ältesten Sohn, die mit seinem Nachfolger fortgesetzt wurde, entwickelte sich zum Regelfall des Mittelreiches.
 
==== Samon II. (67–102) ====
 
Samon II. trat als ältester Sohn nach dem Tod seines Vaters die Nachfolge an. Über seine Regierungszeit sind nur wenige herausragende Ereignisse überliefert. Ihre Bedeutung liegt vor allem in der friedlichen Fortsetzung der jungen Dynastie und der Festigung der Erbfolge.
 
==== Samon III. (102–136) ====
 
Samon III. gilt als bedeutender Bauherr. Ihm werden unter anderem die Errichtung der Kathedrale in [[Kalesch]] und der Festung [[Sonnenfaust]] zugeschrieben. Die gewaltigen Bauwerke machten den Anspruch des Kaiserreiches auch außerhalb der Hauptstadt sichtbar und stärkten zugleich Kirche, Grenzschutz und kaiserliche Repräsentation.
 
==== Meitas I. (136–183) ====
 
Nach dem Tod Samons III. ließ dessen zweite Frau Nesa die Söhne aus der ersten Ehe des Kaisers töten, um ihrem gemeinsamen Sohn Meitas die Krone zu sichern. Da Meitas zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, führte Nesa bis zum Jahre 149 die Regentschaft. Trotz des blutigen Beginns blieb Meitas I. fast ein halbes Jahrhundert auf dem Thron.
 
==== Meitas II. (183–198) ====
 
Meitas I. erhielt erst spät den ersehnten Thronfolger, dessen Geburt als Segen [[Bantiala]]s galt. Meitas II. war jedoch zeitlebens kränklich und starb kinderlos im Alter von 37 Jahren. Sein Tod löste einen offenen Streit um die Nachfolge aus.
 
==== Samon IV. (198–228) ====
 
Vertreter des Ignatus-Kultes setzten schließlich den Anspruch des elfjährigen Samon IV. durch, eines Enkels einer Tochter Meitas I. Für die ersten vier Jahre führten Vertreter der Kirche die Regierungsgeschäfte. Auch später blieb der Kaiser deutlich unter ihrem Einfluss.
 
==== Meitas III. (228–256) ====
 
Meitas III. löste die Reichspolitik durch neue Gesetze und mit Unterstützung der Reichsritter aus dem unmittelbaren Einfluss der Kirchen. Als Gegenleistung erhielten die Kulte des Ignatus und [[Jedek]] das Recht, eigene Burgen zu unterhalten. Diese Anlagen sind bis heute wichtige Stützpunkte beider Kirchen.
 
=== Handel, Ausdehnung und Konflikte ===
 
==== Samon V. (256–281) ====
 
Samon V. ging als „Händlerkaiser“ in die Geschichte ein. Er pflegte enge Beziehungen zum Kult des [[Mernat]] und gründete den Hafen von [[Valoria]]. Unter seiner Herrschaft erreichte der Handel mit anderen Teilen Ganthors einen bis dahin unbekannten Umfang.
 
==== Samon VI. (281–297) ====
 
Samon VI. versuchte, das Reich nach Westen auszudehnen. Im [[Hügelland]] jenseits der [[Große Handelsstraße|Großen Handelsstraße]] ließ er neue Siedlungen anlegen. Orkangriffe, schlechte Witterung und hohe Kosten machten ihre dauerhafte Sicherung jedoch unmöglich. Bald nach seinem Tod verschwanden die meisten dieser Siedlungen wieder von den Karten.
 
==== Samon VII. (297–331) ====
 
Samon VII. wollte die nominell zum Mittelreich gehörenden Stadtstaaten der [[Südlande]] enger an die Krone binden. Seine Politik leitete einen langwierigen Konflikt ein, der unter seinem Nachfolger zur offenen Loslösung des Südens führte.
 
==== Meitas IV. (331–368) ====
 
Unter Meitas IV. erklärten die südlichen Stadtstaaten ihre Unabhängigkeit und schlossen sich zu einer Allianz zusammen. Der Kaiser setzte die Kriegszüge seines Vaters erfolglos fort. Noch im Alter von fast 60 Jahren bestand er auf einem weiteren Feldzug gegen [[Brandal]], starb jedoch bereits auf der Reise nach Süden.
 
=== Niedergang und Bürgerkrieg ===
 
==== Samon VIII. (368–401) ====
 
Samon VIII. und sein Nachfolger Samon IX. gelten als schwache Kaiser. Ein Angriff der Orks im Norden band große Teile der Streitkräfte, während im Süden separatistische Kräfte an Einfluss gewannen. In dieser Zeit entstanden die Spannungen, die später im Bürgerkrieg offen ausbrachen.
 
==== Samon IX. (401–422) ====
 
Unter Samon IX. verloren Krone und Reichsverwaltung weiter an Macht. An der Grenze zu den Südlanden bildeten sich die heutigen [[Fürstentümer]] heraus. Viele lokale Herrscher handelten zunehmend unabhängig von Kalesch.
 
==== Danthares (422–546) ====
 
Im Jahre 424 stürmte ein Zirkel von Verschwörern aus dem Ritterstand den Kaiserpalast, tötete die Berater und Minister des Kaisers und setzte sich selbst als Reichsregierung ein. Im folgenden Bürgerkrieg wurde Danthares entführt und immer wieder von konkurrierenden Gruppen als Legitimationsfigur benutzt. Obwohl er den Kaisertitel trug, traf er seit dem Umsturz keine eigenen Regierungsentscheidungen mehr.
 
Im Jahre 488 belegte eine Gruppe von Todesmagiern den greisen Kaiser mit dem Zauber [[Schwarze Kanäle]]. Als Untoter blieb Danthares noch beinahe sechs Jahrzehnte lang ein Werkzeug wechselnder Machthaber. Erst 546 vernichtete ein Ignatus-Priester den unglücklichen Kaiser. Danthares hatte damit 124 Jahre lang nominell regiert, war aber 122 Jahre ohne tatsächliche Herrschaftsgewalt geblieben.
 
=== Desthard und die Wiederherstellung der Kaisergewalt ===
 
==== Desthard (546–564 und 566–568) ====
 
Desthard war Anführer eines Ritterordens des Ignatus und maßgeblich an der Vernichtung des untoten Danthares beteiligt. Nach mehr als einem Jahrhundert ohne handlungsfähigen Kaiser bestieg er im Jahre 546 selbst den Thron. Sein Herrschaftsantritt beendete zwar nicht alle Folgen des Bürgerkrieges, gab dem Reich aber erstmals wieder eine erkennbare Spitze.
 
Desthards Anspruch beruhte zunächst vor allem auf seiner Rolle bei der Beseitigung Danthares', seiner Stellung im Orden und seiner Fähigkeit, die kaiserliche Ordnung wiederherzustellen. Erst im Jahre 561 erhielt seine Herrschaft eine dynastische Begründung. Sein älterer Zwillingsbruder [[Fürst Mordwig]] legte eine Urkunde vor, welche die Abstammung beider Brüder von Kaiser Samon VI. belegen sollte, und forderte den Thron für sich. Desthard behauptete sich gegen Mordwig; der Fürst wurde nach einem versuchten Kaisermord aus dem Land verbannt. Unabhängig davon, wie verlässlich die vorgelegte Urkunde war, konnte Desthard fortan auch eine genealogische Verbindung zur alten Kaiserdynastie geltend machen.
 
Desthard widmete sich außerdem der Wiedergewinnung und Sicherung aufgegebener Randgebiete. Unter seiner Herrschaft entstanden neue Siedlungsprojekte im Westen und im [[Leeres Land|Leeren Land]]. Viele dieser Vorhaben überlebten die späteren Krisen, gingen unter Rethal II. jedoch derart aus dem Blick der Reichsverwaltung verloren, dass die betreffenden Gebiete heute nicht mehr offiziell zum Mittelreich gerechnet werden.
 
Im Jahre 564 dankte Desthard zugunsten seines Sohnes Rethal ab. Als 566 der letzte Orkkrieg ausbrach und der junge Kaiser der Bedrohung nicht gewachsen war, übernahm der bereits alte Desthard erneut Krone und Oberbefehl. Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihm, die Gefahr abzuwenden. Danach räumte er den Thron ein zweites Mal für seinen Sohn.
 
Auch nach seiner endgültigen Abdankung blieb Desthard als oberster Feldmarschall eine tragende Stütze der Krone. Während der späteren Aufstände und Adelsfehden führte er die Truppen Rethals erfolgreich gegen die Gegner des Kaisers. Damit prägte Desthard über seine beiden eigentlichen Regierungszeiten hinaus fast die gesamte Herrschaft seines Sohnes. In der Rückschau gilt er als Wiederhersteller der kaiserlichen Handlungsfähigkeit, zugleich aber auch als Herrscher, dessen persönliche Autorität nicht dauerhaft auf seinen Nachfolger überging. Der von ihm geführte Ignatus-Ritterorden sank nach seinem Regierungsantritt weitgehend in die Bedeutungslosigkeit.
 
=== Die Rethal-Kaiser ===
 
==== Rethal I. (564–566 und 568–586) ====
 
Rethal I. bestieg den Thron erstmals nach der Abdankung seines Vaters. Der Orkkrieg zwang ihn jedoch bereits nach zwei Jahren, Desthard wieder die Regierung zu überlassen. Nach der Abwehr der Orks kehrte Rethal im Jahre 568 auf den Thron zurück.
 
Seine zweite Regierungszeit war von Aufständen der Fürsten, Fehden unter den Adelshäusern und zunehmender Unsicherheit auf den Straßen geprägt. Nur die militärische Unterstützung seines Vaters bewahrte seine Herrschaft vor dem Zusammenbruch. Im Jahre 586 wurde Rethal von fanatischen Anhängern des Gottes [[Beorn]] ermordet, die zu seinen eigenen Beratern gehörten.
 
==== Rethal II. (586–617) ====
 
Rethal II., der 21-jährige Sohn Rethals I., folgte seinem ermordeten Vater. Wegen der Verwicklung des Beorn-Ordens in das Attentat reformierte er das Adelswesen grundlegend: Fürsten und Barone waren fortan nicht länger selbst Reichsritter. Stattdessen sollten sie Ritter in ihren Diensten unterhalten und dem Kaiser im Kriegsfall Truppen stellen.
 
Die Trennung von Adel und Rittertum führte zu erheblichen Unruhen und offenem Widerstand. Rethal II. übertrug dem Jedek-Orden weitreichende Befugnisse, um seine Stellung zu sichern. Der Orden nutzte diese Macht, um ihm genehme Adelige in einflussreiche Ämter zu bringen. In dieser Umbruchszeit entwickelte sich die höfische Kultur der Fürsten von [[Cor]], die von Anhängern älterer ritterlicher und beorngefälliger Ideale noch heute als verweichlicht abgelehnt wird.
 
Der Kaiser selbst widmete sich zunehmend seinen Vergnügungen. Gesetzlose und umherziehende Orkbanden behinderten Handel und Handwerk; entlegene Gebiete entglitten der Kontrolle Kaleschs. Auch Desthards Siedlungsprojekte wurden vernachlässigt. Während die Rechtsprechung des Jedek-Ordens in den Kernprovinzen vergleichsweise zuverlässig funktionierte, vermochte sie die allgemeine Unsicherheit außerhalb dieser Gebiete nicht zu beenden.
 
=== Illiasan und die Gegenwart ===
 
==== Illiasan (seit 617) ====
 
Nach mehr als zwei Jahrzehnten unter Rethal II. war die Lage des Reiches katastrophal. [[Illiasan]], der halbelfische Adoptivsohn eines durch Rethals Reformen geschädigten Adeligen, führte eine ungewöhnliche Verschwörung aus Händlern und Rittern an. Als ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren, marschierte eine Streitmacht in den Thronsaal, nahm Rethal II. gefangen und rief Illiasan zum Kaiser aus.
 
Illiasan hob die Trennung von Adel und Rittertum wieder auf. Er gab den Fürsten die militärischen Befugnisse zurück, in ihren Ländern für Ordnung zu sorgen. Die Sicherheitslage besserte sich, Handel und Kultur erholten sich, und die lange Stagnation des Mittelreiches endete.
 
Die Wiederherstellung fürstlicher und ritterlicher Macht schuf jedoch neue Gefahren. Einige der gestärkten Herren stellen ihre Loyalität zum Kaiser erneut infrage. Weitere Spannungen entstanden, weil Illiasan darauf verzichtete, seine Herrschaft vom Jedek-Orden segnen zu lassen. Das Reich ist damit wieder handlungsfähig, doch das Verhältnis zwischen Kaiser, Fürsten, Ritterorden und Kirchen bleibt ungeklärt.
 
== Überblick über die Kaiserzeit ==
 
{| class="wikitable"
! Zeitraum
! Prägende Entwicklung
|-
| 1–228
| Gründung und Festigung des Reiches; Ausbildung der Erbfolge; wachsender Einfluss des Ignatus-Kultes
|-
| 228–331
| Stärkung von Kaisertum, Ritterstand und Handel; erste größere Expansionsversuche
|-
| 331–422
| Verlust der Südlande, äußere Kriege und wachsender Machtverlust der Krone
|-
| 422–546
| Bürgerkrieg und 124-jährige nominelle Herrschaft des machtlosen, später untoten Danthares
|-
| 546–586
| Wiederherstellung der Kaisergewalt durch Desthard; Orkkrieg, Aufstände und die unsichere Herrschaft Rethals I.
|-
| 586–617
| Reform des Adels, Aufstieg des Jedek-Ordens und Zerfall staatlicher Ordnung unter Rethal II.
|-
| seit 617
| Machtübernahme Illiasans, Wiedererstarken von Handel und Fürstenmacht sowie neue Spannungen zwischen Krone, Adel und Kirchen
|}
 
== 1000 Jahre – Ein Zeitproblem ==
 
Die mittelländische Reichsrechnung umfasst in der Gegenwart etwas mehr als 600 Jahre. Sie ist innerhalb der Kaiserchronik weitgehend schlüssig: Jahr 1 bezeichnet die Krönung Samons I., und alle späteren Regierungszeiten werden von diesem Ereignis aus gezählt. Das eigentliche Zeitproblem entsteht erst, wenn mittelländische Gelehrte diese Reichsrechnung mit der wesentlich älteren Geschichte Ganthors gleichsetzen.
 
Der große Meteorit schlug tatsächlich vor ungefähr 5.000 Jahren auf Ganthor ein. In den folgenden Jahrtausenden entwickelten sich die Menschen der Mittellande von nomadischen Gemeinschaften zu sesshaften Bauern und Handwerkern. Aus Dörfern wurden Städte, aus Stämmen entstanden Königreiche. Dieser lange Prozess dauerte annähernd 4.000 Jahre. In derselben Epoche entstanden oder erneuerten sich auch die Zivilisationen der [[Elfen]], [[Zwerge]], Orks und anderer Menschenvölker.
 
Die meisten dieser Kulturen nahmen erst innerhalb der letzten 2.000 Jahre dauerhaft Kontakt miteinander auf. Eine wichtige Ausnahme bildeten die [[Halblinge]], die schon erheblich früher Beziehungen zu den Menschen in ihrer Umgebung unterhielten. Die Geschichtsschreiber mehrerer Völker hielten diese Begegnungen fest.
 
In den „Jahren des Blutes“ gingen jedoch zahlreiche mittelländische Bibliotheken, Archive und Chroniken verloren. Als nach der Gründung des Mittelreiches neue Archive aufgebaut wurden, ließ sich nur die Geschichte der jüngeren Jahrhunderte einigermaßen rekonstruieren. Die älteren Reiche und die lange Entwicklung seit dem Meteoriteneinschlag gerieten in Vergessenheit.
 
Aus dieser Überlieferungslücke entstand bei späteren mittelländischen Chronisten die Auffassung, der Meteorit sei erst vor ungefähr 1.000 Jahren niedergegangen. Nach dieser Rechnung wäre das Kaiserreich schon rund 300 Jahre nach dem Einschlag entstanden. Im Jahre 577 erklärte der Ignatus-Kult diese Lehre zum Dogma. Wer ihr öffentlich widerspricht, muss seither mit schweren Strafen rechnen.
 
Andere Völker besitzen deutlich ältere und genauere Aufzeichnungen. Zwerge können Kontakte zu mittelländischen Königen vor etwa 2.000 Jahren belegen; halblingische Archive reichen für solche Beziehungen sogar mehr als 4.000 Jahre zurück. Auch die lange isolierten Stadtstaaten der [[Südlande]] verfügen trotz großer Lücken über eine Geschichtsschreibung der letzten 2.500 Jahre. Ihre Zeugnisse widersprechen der offiziellen Lehre des Mittelreiches eindeutig.
 
Diese Belege ändern im Mittelreich dennoch wenig. Zwerge und Halblinge vermeiden aus Rücksicht auf ihre Handelsbeziehungen meist eine offene Auseinandersetzung mit den Kulten. Südländische Gelehrte gelten dem Ignatus-Kult als Ketzer und finden daher kaum Gehör. Elfen verfügen ebenfalls über ältere Überlieferungen, halten sich jedoch weitgehend aus dem inneren Streit der mittelländischen Kirchen heraus.
 
Das „Zeitproblem“ ist somit keine widersprüchliche Kaiserchronik, sondern ein innerweltlicher Konflikt zwischen verschiedenen Geschichtsbildern:
 
* '''Tatsächliche Zeit seit dem Meteoriteneinschlag:''' ungefähr 5.000 Jahre
* '''Offizielle Lehre des Mittelreiches:''' ungefähr 1.000 Jahre
* '''Beginn der mittelländischen Reichsrechnung:''' Krönung Samons I. im Jahr 1
* '''Gegenwart:''' seit dem Jahr 617 der Reichsrechnung
 
Die Abweichung von rund 4.000 Jahren erklärt, warum Angaben mittelländischer Chronisten mit den Aufzeichnungen anderer Völker oder mit sehr alten Ruinen und Funden unvereinbar erscheinen können. Solche Unterschiede sind Teil der Welt und ihrer politischen Geschichtsschreibung, nicht zwingend ein Fehler der Zeitrechnung.


Die Zeitrechnung der [[:Kategorie:Mittelreich|Mittellande]] beginnt mit der Kaiserkrönung Samons I. an seinem 14. Geburtstag. In den vorangegangenen "Jahren des Blutes" bis zum Tod Germadils und der Regentschaft seiner Frau und Samons Mutter Alana standen die Mittellande mehr als einmal an der Grenze zur Barbarei, und zahlreiche Bibliotheken, Archive und Aufzeichnungen gingen verloren. Damit verlor das Mittelreich auch seine gesamte Geschichtsschreibung, die Zeit vor den "Jahren des Blutes" wurde schnell vergessen. Als wieder neue Bibliotheken und Archive errichtet waren und die Geschichtsschreiber und Archivare der Mittellande ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten, war jedoch ein Großteil des Wissens unwiederbringlich verloren. Lediglich die Vergangenheit der letzten Jahrhunderte konnte aufbereitet werden. Bei späteren Geschichtsschreibern bildete sich aufgrund der fehlenden Geschichtsschreibung die in der Gegenwart gefestigte Meinung, der Meteor sei erst vor ca. 1000 Jahren auf Ganthor eingeschlagen, das Kaiserreich sei also bereits 300 Jahre danach entstanden. Diese Meinung wurde im Jahre 577 vom Orden des [[Ignatus]] als Dogma postuliert, und widersprüchliche Behauptungen stehen unter schwerer Strafe. Die Völker der Zwerge, der Halblinge und der Elfen hingegen kennen aufgrund ihrer längeren Lebensdauer und ihrer genaueren Geschichtsschreibung das exakte Datum des Meteoriteneinschlags. Gerade die Zwerge und die Halblinge können Kontakte zu Königen aus den Mittellanden vor 2000 (Zwerge) bzw. über 4000 Jahren (Halblinge) detailliert belegen. Da dies von den Kulten der Mittelländer jedoch nicht gerne gehört wird, verzichten Zwerge und Halblinge um der Handelsbeziehungen willen darauf, auf diesen Irrtum hinzuweisen. Auch die lange Zeit von den anderen Menschen isolierten Stadtstaaten der [[Südländer]] besitzen eine mit Lücken behaftete, jedoch weitaus vollständigere Geschichtsschreibung der letzten 2500 Jahre. Doch da die Südländer vom mittelländischen Ignatus-Kult als Ketzer betrachtet werden, schenkt niemand den Behauptungen südländischer Gelehrter Glauben.
[[Kategorie:Mittelreich]]
[[Kategorie:Mittelreich]]
[[Kategorie:Ganthor]]
[[Kategorie:Ganthor]]

Aktuelle Version vom 2. August 2026, 12:31 Uhr

Die Geschichte des Mittelreichs beginnt nach seiner eigenen Zeitrechnung mit der Krönung Kaiser Samons I. in Kalesch. Die Ereignisse vor dieser Reichsgründung sind nur unvollständig überliefert. Kriege, der Verlust zahlreicher Archive und spätere Eingriffe des Ignatus-Kultes haben dazu geführt, dass im Mittelreich Legende, religiöse Lehre und historische Wirklichkeit eng miteinander verbunden sind.

Die folgende Darstellung unterscheidet daher zwischen der offiziellen Gründungserzählung, den nur wenigen Eingeweihten bekannten Hintergründen und der vergleichsweise gut belegten Geschichte der Kaiserzeit.

Zeitrechnung

Die mittelländische Zeitrechnung beginnt mit der Kaiserkrönung Samons I. an dessen 14. Geburtstag. Dieses Ereignis bildet das Jahr 1 der Reichsrechnung. Angaben wie „im Jahre 422“ oder „seit dem Jahre 617“ beziehen sich daher stets auf die Gründung des Kaiserreiches und nicht auf den Einschlag des großen Meteoriten oder den Beginn menschlicher Besiedlung auf Ganthor.

Die heute verbreitete Annahme, der Meteorit sei erst rund 1.000 Jahre vor der Gegenwart niedergegangen, beruht auf einem folgenreichen Irrtum der mittelländischen Geschichtsschreibung. Die Hintergründe werden im Abschnitt „1000 Jahre – Ein Zeitproblem“ erläutert.

Vor der Reichsgründung

Das heutige Kernland des Mittelreiches war seit dem sogenannten „Jahrzehnt der Dämmerung“ heftig umkämpft. Nach und nach gelang es den Menschen, ihre Gegner zurückzudrängen und dauerhaft Dörfer, Städte und kleine Königreiche zu errichten. In der späteren Überlieferung des Mittelreiches wird diese Epoche als „Beginn des Lichts“ bezeichnet.

Bereits damals schlossen Priester und Ordensritter des Ignatus Verträge mit den mächtigsten Königen der Mittellande. Obwohl diese Herrscher häufig miteinander verfeindet waren, verband sie ihr Schwur auf Ignatus. Aus diesem gemeinsamen religiösen Bezug entstand jedoch noch kein geeintes Reich. Erst die „Jahre des Blutes“ und die Ereignisse um König Germadil führten zur Vereinigung der Königreiche.

Die Gründung des Mittelreiches

Die offizielle Überlieferung

Die im Mittelreich allgemein gelehrte Gründungsgeschichte beginnt mit einem Bündnis zwischen den Königen Xarotanum und Isodrathros. Um ihre Fehde dauerhaft zu beenden, vermählten sie ihre Kinder Germadil und Alana miteinander. Die Verbindung der beiden mächtigsten Königreiche beunruhigte die übrigen Herrscher, dennoch erschienen sie zur Hochzeit, um der Zeremonie beizuwohnen.

Noch am Abend der Hochzeit geriet König Marror mit Xarotanum in Streit. Als beide ihre Waffen zogen, stellte sich der Priester Sogathor zwischen sie und wurde von Marrors Schwert tödlich getroffen. Isodrathros erschlug daraufhin Marror. Dessen Gefolgsleute wurden bis auf einen Boten getötet, der die Kriegserklärung überbringen sollte. Damit begannen die „Jahre des Blutes“, in denen schließlich sämtliche Königreiche der Mittellande gegeneinander kämpften. Da sich die Priester des Lichts aus dem Krieg heraushielten, eskalierte der Konflikt zu einem der grausamsten Kriege der menschlichen Überlieferung.

Viele Jahre später erreichte Germadil die Nachricht, dass ein Heer aus angeblich zehntausend Orks, Ogern und Riesen nördlich des Tafelbergs in das Herz der Mittellande zog. Die vom Bürgerkrieg erschöpften Königreiche schienen der Bedrohung kaum etwas entgegensetzen zu können. Germadil begab sich zur Hauptordensburg des Ignatus und bat tagelang um Unterstützung. Die Tore blieben der Legende zufolge verschlossen. Als er nach Kalesch zurückkehrte, soll jedoch ein geheimnisvolles Glitzern in seinen Augen gelegen haben.

Über dem heranziehenden Heer brach ein schwarzes Gewitter los. In der „längsten Nacht des Reiches“ hielten Germadil und seine Männer die Mauern Kaleschs. Im Morgengrauen öffneten sich die Tore, und der König führte 800 Ritter gegen die vermeintlich übermächtige Streitmacht. Die Ritter errangen den Sieg, wurden dabei jedoch fast vollständig vernichtet. Auch Germadil fiel, nachdem ihn ein orkischer Hauptmann tödlich verwundet hatte.

Die Überlebenden trugen den König nach Kalesch und bahrten ihn vor dem Heiligtum des Ignatus auf. Zur selben Zeit sollen alle anderen Könige denselben Traum gehabt haben: Ein Engel forderte sie auf, dem gefallenen Herrscher die gebührende Ehre zu erweisen. In Kalesch knieten sie vor Germadils Totenbahre nieder und schworen seiner Witwe Alana die Treue. Noch in derselben Nacht wurde verkündet, dass Alana einen Sohn gebären werde, den die Priester Samon zu nennen empfahlen.

Damit waren die Königreiche erstmals geeint. Kalesch wurde zur Hauptstadt, und Alana führte als Regentin die Geschäfte des jungen Reiches. Sie ließ die Grenzen sichern und zu Ehren des Ignatus eine gewaltige Kathedrale errichten, in der Germadil beigesetzt wurde. An seinem 14. Geburtstag übergab sie Samon Krone und Zepter. Mit seiner Krönung begann das Jahr 1 der mittelländischen Zeitrechnung.

Diese Erzählung ist bis heute Teil der religiösen und politischen Identität des Mittelreiches. Nahezu jedes Kind kennt Germadils Opfer, den Traum der Könige und den Treueschwur vor seiner Totenbahre.

Die verborgene Überlieferung

Nur wenigen Angehörigen der höchsten Weihegrade des Ignatus-Kultes sind Aufzeichnungen zugänglich, die der offiziellen Erzählung widersprechen. Ihnen zufolge war die Reichsgründung das Ergebnis geheimer Verhandlungen, religiöser Einflussnahme und eines sorgfältig vorbereiteten Betrugs:

  • Bei den vermeintlichen Angreifern handelte es sich nicht um ein geschlossenes Heer, sondern um halb verhungerte Orkstämme. Ein früher Winter hatte ihnen den Weg in ihre südwestlichen Winterlager versperrt; zugleich waren sie im Norden von den Nordländern vertrieben worden.
  • Der Ignatus-Kult bot den Orks Nahrung, Schutz und Unterstützung an. Im Gegenzug sollten sie bis vor Kalesch ziehen und dort eine Belagerung vortäuschen.
  • Unter dem Eindruck der nahenden Bedrohung brachte der Kult die verfeindeten Könige zu Geheimverhandlungen zusammen. Germadil, dessen Reich militärisch noch vergleichsweise stark war, verweigerte zunächst die Teilnahme.
  • Alana nahm ohne Wissen ihres Gemahls an den Verhandlungen teil. Dort verliebte sie sich in einen der anderen Könige. Welcher Herrscher der Vater Samons war, ist nicht überliefert.
  • Die Könige einigten sich auf eine gemeinsame Friedensordnung für die Zeit nach dem Abzug der Orks.
  • Als Germadil schließlich die Ordensburg aufsuchte, wurde er eingelassen und mit den Ergebnissen der Verhandlungen konfrontiert. Er verließ die Burg nach mehreren Tagen in dem Entschluss, die übrigen Könige durch seine eigene Tapferkeit zu überzeugen und den Einfluss des Ignatus-Kultes zurückzudrängen.
  • Zu der berühmten Schlacht vor Kalesch kam es nie. Die Orks hatten nur Scheinstellungen errichtet und waren bereits abgezogen. Germadil wurde stattdessen von Ordensrittern erwartet und hingerichtet.

Der angebliche Sieg, Germadils Tod und die religiös inszenierte Zusammenkunft der Könige schufen dennoch jene gemeinsame Erzählung, auf deren Grundlage das Mittelreich bestehen konnte. Ob alle Könige über den gesamten Plan informiert waren oder selbst nur Teile davon kannten, geht aus den erhaltenen Aufzeichnungen nicht hervor.

Die Kaiser des Mittelreiches

Die Kaiserchronik lässt sich in mehrere deutlich unterscheidbare Epochen gliedern: die Festigung unter den frühen Samon- und Meitas-Kaisern, die Ausweitung des Reiches, den Niedergang im 4. und 5. Jahrhundert, den langen Bürgerkrieg unter Danthares sowie die Neuordnung durch Desthard, die beiden Rethal und Illiasan.

Festigung des Reiches

Samon I. (1–67)

Mit der Krönung Samons I. wurden die zuvor eigenständigen Königreiche der Mittellande unter einer gemeinsamen Kaiserkrone vereinigt. Seine lange Herrschaft gab dem jungen Reich Zeit, gemeinsame Institutionen und eine neue politische Ordnung auszubilden. Die Thronfolge durch den ältesten Sohn, die mit seinem Nachfolger fortgesetzt wurde, entwickelte sich zum Regelfall des Mittelreiches.

Samon II. (67–102)

Samon II. trat als ältester Sohn nach dem Tod seines Vaters die Nachfolge an. Über seine Regierungszeit sind nur wenige herausragende Ereignisse überliefert. Ihre Bedeutung liegt vor allem in der friedlichen Fortsetzung der jungen Dynastie und der Festigung der Erbfolge.

Samon III. (102–136)

Samon III. gilt als bedeutender Bauherr. Ihm werden unter anderem die Errichtung der Kathedrale in Kalesch und der Festung Sonnenfaust zugeschrieben. Die gewaltigen Bauwerke machten den Anspruch des Kaiserreiches auch außerhalb der Hauptstadt sichtbar und stärkten zugleich Kirche, Grenzschutz und kaiserliche Repräsentation.

Meitas I. (136–183)

Nach dem Tod Samons III. ließ dessen zweite Frau Nesa die Söhne aus der ersten Ehe des Kaisers töten, um ihrem gemeinsamen Sohn Meitas die Krone zu sichern. Da Meitas zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, führte Nesa bis zum Jahre 149 die Regentschaft. Trotz des blutigen Beginns blieb Meitas I. fast ein halbes Jahrhundert auf dem Thron.

Meitas II. (183–198)

Meitas I. erhielt erst spät den ersehnten Thronfolger, dessen Geburt als Segen Bantialas galt. Meitas II. war jedoch zeitlebens kränklich und starb kinderlos im Alter von 37 Jahren. Sein Tod löste einen offenen Streit um die Nachfolge aus.

Samon IV. (198–228)

Vertreter des Ignatus-Kultes setzten schließlich den Anspruch des elfjährigen Samon IV. durch, eines Enkels einer Tochter Meitas I. Für die ersten vier Jahre führten Vertreter der Kirche die Regierungsgeschäfte. Auch später blieb der Kaiser deutlich unter ihrem Einfluss.

Meitas III. (228–256)

Meitas III. löste die Reichspolitik durch neue Gesetze und mit Unterstützung der Reichsritter aus dem unmittelbaren Einfluss der Kirchen. Als Gegenleistung erhielten die Kulte des Ignatus und Jedek das Recht, eigene Burgen zu unterhalten. Diese Anlagen sind bis heute wichtige Stützpunkte beider Kirchen.

Handel, Ausdehnung und Konflikte

Samon V. (256–281)

Samon V. ging als „Händlerkaiser“ in die Geschichte ein. Er pflegte enge Beziehungen zum Kult des Mernat und gründete den Hafen von Valoria. Unter seiner Herrschaft erreichte der Handel mit anderen Teilen Ganthors einen bis dahin unbekannten Umfang.

Samon VI. (281–297)

Samon VI. versuchte, das Reich nach Westen auszudehnen. Im Hügelland jenseits der Großen Handelsstraße ließ er neue Siedlungen anlegen. Orkangriffe, schlechte Witterung und hohe Kosten machten ihre dauerhafte Sicherung jedoch unmöglich. Bald nach seinem Tod verschwanden die meisten dieser Siedlungen wieder von den Karten.

Samon VII. (297–331)

Samon VII. wollte die nominell zum Mittelreich gehörenden Stadtstaaten der Südlande enger an die Krone binden. Seine Politik leitete einen langwierigen Konflikt ein, der unter seinem Nachfolger zur offenen Loslösung des Südens führte.

Meitas IV. (331–368)

Unter Meitas IV. erklärten die südlichen Stadtstaaten ihre Unabhängigkeit und schlossen sich zu einer Allianz zusammen. Der Kaiser setzte die Kriegszüge seines Vaters erfolglos fort. Noch im Alter von fast 60 Jahren bestand er auf einem weiteren Feldzug gegen Brandal, starb jedoch bereits auf der Reise nach Süden.

Niedergang und Bürgerkrieg

Samon VIII. (368–401)

Samon VIII. und sein Nachfolger Samon IX. gelten als schwache Kaiser. Ein Angriff der Orks im Norden band große Teile der Streitkräfte, während im Süden separatistische Kräfte an Einfluss gewannen. In dieser Zeit entstanden die Spannungen, die später im Bürgerkrieg offen ausbrachen.

Samon IX. (401–422)

Unter Samon IX. verloren Krone und Reichsverwaltung weiter an Macht. An der Grenze zu den Südlanden bildeten sich die heutigen Fürstentümer heraus. Viele lokale Herrscher handelten zunehmend unabhängig von Kalesch.

Danthares (422–546)

Im Jahre 424 stürmte ein Zirkel von Verschwörern aus dem Ritterstand den Kaiserpalast, tötete die Berater und Minister des Kaisers und setzte sich selbst als Reichsregierung ein. Im folgenden Bürgerkrieg wurde Danthares entführt und immer wieder von konkurrierenden Gruppen als Legitimationsfigur benutzt. Obwohl er den Kaisertitel trug, traf er seit dem Umsturz keine eigenen Regierungsentscheidungen mehr.

Im Jahre 488 belegte eine Gruppe von Todesmagiern den greisen Kaiser mit dem Zauber Schwarze Kanäle. Als Untoter blieb Danthares noch beinahe sechs Jahrzehnte lang ein Werkzeug wechselnder Machthaber. Erst 546 vernichtete ein Ignatus-Priester den unglücklichen Kaiser. Danthares hatte damit 124 Jahre lang nominell regiert, war aber 122 Jahre ohne tatsächliche Herrschaftsgewalt geblieben.

Desthard und die Wiederherstellung der Kaisergewalt

Desthard (546–564 und 566–568)

Desthard war Anführer eines Ritterordens des Ignatus und maßgeblich an der Vernichtung des untoten Danthares beteiligt. Nach mehr als einem Jahrhundert ohne handlungsfähigen Kaiser bestieg er im Jahre 546 selbst den Thron. Sein Herrschaftsantritt beendete zwar nicht alle Folgen des Bürgerkrieges, gab dem Reich aber erstmals wieder eine erkennbare Spitze.

Desthards Anspruch beruhte zunächst vor allem auf seiner Rolle bei der Beseitigung Danthares', seiner Stellung im Orden und seiner Fähigkeit, die kaiserliche Ordnung wiederherzustellen. Erst im Jahre 561 erhielt seine Herrschaft eine dynastische Begründung. Sein älterer Zwillingsbruder Fürst Mordwig legte eine Urkunde vor, welche die Abstammung beider Brüder von Kaiser Samon VI. belegen sollte, und forderte den Thron für sich. Desthard behauptete sich gegen Mordwig; der Fürst wurde nach einem versuchten Kaisermord aus dem Land verbannt. Unabhängig davon, wie verlässlich die vorgelegte Urkunde war, konnte Desthard fortan auch eine genealogische Verbindung zur alten Kaiserdynastie geltend machen.

Desthard widmete sich außerdem der Wiedergewinnung und Sicherung aufgegebener Randgebiete. Unter seiner Herrschaft entstanden neue Siedlungsprojekte im Westen und im Leeren Land. Viele dieser Vorhaben überlebten die späteren Krisen, gingen unter Rethal II. jedoch derart aus dem Blick der Reichsverwaltung verloren, dass die betreffenden Gebiete heute nicht mehr offiziell zum Mittelreich gerechnet werden.

Im Jahre 564 dankte Desthard zugunsten seines Sohnes Rethal ab. Als 566 der letzte Orkkrieg ausbrach und der junge Kaiser der Bedrohung nicht gewachsen war, übernahm der bereits alte Desthard erneut Krone und Oberbefehl. Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihm, die Gefahr abzuwenden. Danach räumte er den Thron ein zweites Mal für seinen Sohn.

Auch nach seiner endgültigen Abdankung blieb Desthard als oberster Feldmarschall eine tragende Stütze der Krone. Während der späteren Aufstände und Adelsfehden führte er die Truppen Rethals erfolgreich gegen die Gegner des Kaisers. Damit prägte Desthard über seine beiden eigentlichen Regierungszeiten hinaus fast die gesamte Herrschaft seines Sohnes. In der Rückschau gilt er als Wiederhersteller der kaiserlichen Handlungsfähigkeit, zugleich aber auch als Herrscher, dessen persönliche Autorität nicht dauerhaft auf seinen Nachfolger überging. Der von ihm geführte Ignatus-Ritterorden sank nach seinem Regierungsantritt weitgehend in die Bedeutungslosigkeit.

Die Rethal-Kaiser

Rethal I. (564–566 und 568–586)

Rethal I. bestieg den Thron erstmals nach der Abdankung seines Vaters. Der Orkkrieg zwang ihn jedoch bereits nach zwei Jahren, Desthard wieder die Regierung zu überlassen. Nach der Abwehr der Orks kehrte Rethal im Jahre 568 auf den Thron zurück.

Seine zweite Regierungszeit war von Aufständen der Fürsten, Fehden unter den Adelshäusern und zunehmender Unsicherheit auf den Straßen geprägt. Nur die militärische Unterstützung seines Vaters bewahrte seine Herrschaft vor dem Zusammenbruch. Im Jahre 586 wurde Rethal von fanatischen Anhängern des Gottes Beorn ermordet, die zu seinen eigenen Beratern gehörten.

Rethal II. (586–617)

Rethal II., der 21-jährige Sohn Rethals I., folgte seinem ermordeten Vater. Wegen der Verwicklung des Beorn-Ordens in das Attentat reformierte er das Adelswesen grundlegend: Fürsten und Barone waren fortan nicht länger selbst Reichsritter. Stattdessen sollten sie Ritter in ihren Diensten unterhalten und dem Kaiser im Kriegsfall Truppen stellen.

Die Trennung von Adel und Rittertum führte zu erheblichen Unruhen und offenem Widerstand. Rethal II. übertrug dem Jedek-Orden weitreichende Befugnisse, um seine Stellung zu sichern. Der Orden nutzte diese Macht, um ihm genehme Adelige in einflussreiche Ämter zu bringen. In dieser Umbruchszeit entwickelte sich die höfische Kultur der Fürsten von Cor, die von Anhängern älterer ritterlicher und beorngefälliger Ideale noch heute als verweichlicht abgelehnt wird.

Der Kaiser selbst widmete sich zunehmend seinen Vergnügungen. Gesetzlose und umherziehende Orkbanden behinderten Handel und Handwerk; entlegene Gebiete entglitten der Kontrolle Kaleschs. Auch Desthards Siedlungsprojekte wurden vernachlässigt. Während die Rechtsprechung des Jedek-Ordens in den Kernprovinzen vergleichsweise zuverlässig funktionierte, vermochte sie die allgemeine Unsicherheit außerhalb dieser Gebiete nicht zu beenden.

Illiasan und die Gegenwart

Illiasan (seit 617)

Nach mehr als zwei Jahrzehnten unter Rethal II. war die Lage des Reiches katastrophal. Illiasan, der halbelfische Adoptivsohn eines durch Rethals Reformen geschädigten Adeligen, führte eine ungewöhnliche Verschwörung aus Händlern und Rittern an. Als ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren, marschierte eine Streitmacht in den Thronsaal, nahm Rethal II. gefangen und rief Illiasan zum Kaiser aus.

Illiasan hob die Trennung von Adel und Rittertum wieder auf. Er gab den Fürsten die militärischen Befugnisse zurück, in ihren Ländern für Ordnung zu sorgen. Die Sicherheitslage besserte sich, Handel und Kultur erholten sich, und die lange Stagnation des Mittelreiches endete.

Die Wiederherstellung fürstlicher und ritterlicher Macht schuf jedoch neue Gefahren. Einige der gestärkten Herren stellen ihre Loyalität zum Kaiser erneut infrage. Weitere Spannungen entstanden, weil Illiasan darauf verzichtete, seine Herrschaft vom Jedek-Orden segnen zu lassen. Das Reich ist damit wieder handlungsfähig, doch das Verhältnis zwischen Kaiser, Fürsten, Ritterorden und Kirchen bleibt ungeklärt.

Überblick über die Kaiserzeit

Zeitraum Prägende Entwicklung
1–228 Gründung und Festigung des Reiches; Ausbildung der Erbfolge; wachsender Einfluss des Ignatus-Kultes
228–331 Stärkung von Kaisertum, Ritterstand und Handel; erste größere Expansionsversuche
331–422 Verlust der Südlande, äußere Kriege und wachsender Machtverlust der Krone
422–546 Bürgerkrieg und 124-jährige nominelle Herrschaft des machtlosen, später untoten Danthares
546–586 Wiederherstellung der Kaisergewalt durch Desthard; Orkkrieg, Aufstände und die unsichere Herrschaft Rethals I.
586–617 Reform des Adels, Aufstieg des Jedek-Ordens und Zerfall staatlicher Ordnung unter Rethal II.
seit 617 Machtübernahme Illiasans, Wiedererstarken von Handel und Fürstenmacht sowie neue Spannungen zwischen Krone, Adel und Kirchen

1000 Jahre – Ein Zeitproblem

Die mittelländische Reichsrechnung umfasst in der Gegenwart etwas mehr als 600 Jahre. Sie ist innerhalb der Kaiserchronik weitgehend schlüssig: Jahr 1 bezeichnet die Krönung Samons I., und alle späteren Regierungszeiten werden von diesem Ereignis aus gezählt. Das eigentliche Zeitproblem entsteht erst, wenn mittelländische Gelehrte diese Reichsrechnung mit der wesentlich älteren Geschichte Ganthors gleichsetzen.

Der große Meteorit schlug tatsächlich vor ungefähr 5.000 Jahren auf Ganthor ein. In den folgenden Jahrtausenden entwickelten sich die Menschen der Mittellande von nomadischen Gemeinschaften zu sesshaften Bauern und Handwerkern. Aus Dörfern wurden Städte, aus Stämmen entstanden Königreiche. Dieser lange Prozess dauerte annähernd 4.000 Jahre. In derselben Epoche entstanden oder erneuerten sich auch die Zivilisationen der Elfen, Zwerge, Orks und anderer Menschenvölker.

Die meisten dieser Kulturen nahmen erst innerhalb der letzten 2.000 Jahre dauerhaft Kontakt miteinander auf. Eine wichtige Ausnahme bildeten die Halblinge, die schon erheblich früher Beziehungen zu den Menschen in ihrer Umgebung unterhielten. Die Geschichtsschreiber mehrerer Völker hielten diese Begegnungen fest.

In den „Jahren des Blutes“ gingen jedoch zahlreiche mittelländische Bibliotheken, Archive und Chroniken verloren. Als nach der Gründung des Mittelreiches neue Archive aufgebaut wurden, ließ sich nur die Geschichte der jüngeren Jahrhunderte einigermaßen rekonstruieren. Die älteren Reiche und die lange Entwicklung seit dem Meteoriteneinschlag gerieten in Vergessenheit.

Aus dieser Überlieferungslücke entstand bei späteren mittelländischen Chronisten die Auffassung, der Meteorit sei erst vor ungefähr 1.000 Jahren niedergegangen. Nach dieser Rechnung wäre das Kaiserreich schon rund 300 Jahre nach dem Einschlag entstanden. Im Jahre 577 erklärte der Ignatus-Kult diese Lehre zum Dogma. Wer ihr öffentlich widerspricht, muss seither mit schweren Strafen rechnen.

Andere Völker besitzen deutlich ältere und genauere Aufzeichnungen. Zwerge können Kontakte zu mittelländischen Königen vor etwa 2.000 Jahren belegen; halblingische Archive reichen für solche Beziehungen sogar mehr als 4.000 Jahre zurück. Auch die lange isolierten Stadtstaaten der Südlande verfügen trotz großer Lücken über eine Geschichtsschreibung der letzten 2.500 Jahre. Ihre Zeugnisse widersprechen der offiziellen Lehre des Mittelreiches eindeutig.

Diese Belege ändern im Mittelreich dennoch wenig. Zwerge und Halblinge vermeiden aus Rücksicht auf ihre Handelsbeziehungen meist eine offene Auseinandersetzung mit den Kulten. Südländische Gelehrte gelten dem Ignatus-Kult als Ketzer und finden daher kaum Gehör. Elfen verfügen ebenfalls über ältere Überlieferungen, halten sich jedoch weitgehend aus dem inneren Streit der mittelländischen Kirchen heraus.

Das „Zeitproblem“ ist somit keine widersprüchliche Kaiserchronik, sondern ein innerweltlicher Konflikt zwischen verschiedenen Geschichtsbildern:

  • Tatsächliche Zeit seit dem Meteoriteneinschlag: ungefähr 5.000 Jahre
  • Offizielle Lehre des Mittelreiches: ungefähr 1.000 Jahre
  • Beginn der mittelländischen Reichsrechnung: Krönung Samons I. im Jahr 1
  • Gegenwart: seit dem Jahr 617 der Reichsrechnung

Die Abweichung von rund 4.000 Jahren erklärt, warum Angaben mittelländischer Chronisten mit den Aufzeichnungen anderer Völker oder mit sehr alten Ruinen und Funden unvereinbar erscheinen können. Solche Unterschiede sind Teil der Welt und ihrer politischen Geschichtsschreibung, nicht zwingend ein Fehler der Zeitrechnung.