Marao

Marao ist eine halb überflutete Atollinsel im südöstlichen Teil der Weißmondinseln. Zwischen Mangrovensümpfen und flachen Lagunen unterhält Amal den befestigten Spähposten Maraowacht. Seit der Entdeckung großer Vorkommen von Baumkristall ziehen Händler, Glücksritter, Magier und Schmuggler in großer Zahl auf die zuvor abgelegene Insel.
Die amphibisch lebenden S’ziiraar’sz bewohnten Marao bereits vor der Ankunft Amals. Viele betrachten die Fundstätten als Überreste eines heiligen magischen Waldes. Der Ausbau der Kolonie bedroht ihre Brutgewässer, Begräbnisstätten und Jagdgebiete.
Lage und Landschaft
Marao besteht aus einem nur teilweise erhaltenen Atollring. Niedrige Korallenrücken, kleine Inseln und breite Mangrovenflächen umschließen eine flache Lagune. An vielen Stellen liegt das Land nur wenige Handbreit über dem Meer. Bei Flut verschwinden ganze Wege, während bei Ebbe Schlammbänke und abgestorbene Baumstümpfe hervortreten.
Die Durchfahrten verändern sich durch Stürme und wandernde Sandbänke. Nur einheimische Lotsen und erfahrene Bootsführer kennen die sicheren Rinnen. Größere Schiffe ankern außerhalb des Atolls; Menschen und Waren werden mit flachgehenden Booten nach Maraowacht gebracht.
Im Inneren des Atollrings wachsen Mangroven, Sumpffarne, Schlingpflanzen und einzelne uralte Bäume. Zwischen ihren Wurzeln leben Fische, Krebse, Wasserschlangen und größere amphibische Raubtiere. Süßwasser ist selten; Regen wird in Zisternen gesammelt und durch Lieferungen aus anderen Kolonien ergänzt.
Klima und Sturmzeiten
Marao besitzt ein heißes, feuchtes Klima. In der sommerlichen Regenzeit stehen selbst höher gelegene Teile der Insel zeitweise unter Wasser. Fieber, Hautkrankheiten und durch Insekten übertragene Seuchen sind häufig; dicht schließende Kleidung, Kräuterrauch und fein gewebte Schlafnetze gehören deshalb zum Alltag.
Im Frühjahr und Herbst treffen jeweils etwa vier Wochen lang schwere Stürme die Insel. Boote und Dächer werden gesichert, Vorräte in hohe Speicher gebracht. Nach der Saison müssen Kanäle neu vermessen und Stege repariert werden.
Maraowacht
Maraowacht liegt auf dem breitesten Korallenrücken am Eingang der Lagune. Die ältesten Gebäude stehen auf festem Untergrund, die neueren auf hohen Holzpfählen oder künstlichen Inseln. Breite Stege verbinden Verwaltung, Garnison, Speicher, Markt und Bootsanleger; dazwischen bleiben schiffbare Kanäle für Flachboote offen.
Etwa 1.200 Menschen leben dauerhaft in der Kolonie. In trockenen Monaten und nach Berichten über neue Funde steigt die Zahl oft um das doppelte an. Viele Glücksritter wohnen in Booten, Zelten oder hastig errichteten Pfahlhäusern außerhalb des befestigten Kerns.
Der Hauptsteg
Der Hauptsteg ist die eigentliche Straße Maraowachts. Er führt vom großen Bootsanleger über Zollhaus und Kristallmarkt zur Garnison. An seinen Seiten drängen sich mehrgeschossige Pfahlhäuser, Herbergen, Garküchen, Werkstätten und Kontore.
Hier treffen amalische Beamte, Seeleute, S’ziiraar’sz, Artefakthändler aus Nord-Vanua und Glücksritter aus vielen Teilen Ganthors aufeinander. Schürfer tragen Siebe, Spaten, Taucherglocken und schlammverkrustete Körbe. Kleine Funde werden offen vorgezeigt, größere verschwinden sofort in bewachten Kontoren.
Nach Sonnenuntergang erhellen Öllampen und wenige magische Leuchten den Steg. Tavernen werben um neu angekommene Mannschaften, Vermittler verkaufen Karten angeblicher Fundstätten und Betrüger bieten gefärbtes Harz als Baumkristall an. Patrouillen achten vor allem auf Feuer, Gewalt und Schäden an den tragenden Pfählen.
Der Kristallmarkt
Der Kristallmarkt liegt auf einer stark abgestützten Plattform. Zugelassene Schätzer prüfen Gewicht, Reinheit und Herkunft der registrierungspflichtigen Funde. Ein festgelegter Anteil geht an die amalische Verwaltung; besonders große oder reine Stücke kann der Staat vollständig einziehen.
Offiziell dürfen nur lizenzierte Händler Baumkristall ausführen. Tatsächlich gelangen viele kleine Stücke über versteckte Bootsfächer nach Faruk. Auf dem Markt werden außerdem Werkzeuge, wasserfeste Behälter, Heilmittel, Karten und Anteile an Schürfrechten verkauft.
Viele Geschäfte betreffen nur Versprechen: Geldgeber finanzieren Expeditionen gegen Anteile an künftigen Funden, Glücksritter verkaufen Ansprüche auf Gebiete, die sie nie betreten haben, und Schuldner verlieren ihre Ausrüstung an Gläubiger.
Signalturm und Garnison
Der steinerne Signalturm steht auf dem höchsten Punkt des Korallenrückens. Flaggen, Spiegel, Feuer und magisch verstärkte Lichtzeichen übermitteln von dort Warnungen an Patrouillenschiffe und benachbarte Inseln.
Die Garnison aus Soldaten, Seeleuten, Kundschaftern sowie Wind- und Wassermagiern verfügt über zwei schnelle Kutter und zahlreiche Flachboote. Sie kann Piraten oder kleinere Landungstrupps abwehren; bei einem Flottenangriff soll sie vor allem möglichst lange Warnungen senden.
Die äußeren Plattformen
Außerhalb des alten Koloniekerns wachsen ungeplante Viertel auf Pfählen, Flößen und ausgedienten Schiffsrümpfen. Glücksritter, Lastenträger, Bootsführer und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis leben dort zwischen Schankstuben, Werkstätten und improvisierten Heilerstationen. Schlecht verankerte Plattformen, Brände und einstürzende Pfähle überfordern die Bauaufsicht; wenigstens Fahrwasser und Rettungswege versucht sie freizuhalten.
Lazarett und Wasserhöfe
Das Lazarett liegt windwärts der dichtesten Bebauung; erkrankte Schiffe legen an einer abgelegenen Quarantäneplattform an. Überdachte Wasserhöfe sammeln Regen in gemauerten Zisternen. In Trockenzeiten erhalten Garnison, Lazarett und dauerhafte Bewohner feste Rationen, während Neuankömmlinge hohe Preise zahlen.
Herrschaft und Verwaltung
Marao wird im Namen Amals von Gouverneur Jadar Belim verwaltet. Der ehemalige Versorgungsoffizier kam zur Leitung eines kleinen Außenpostens; inzwischen muss er eine schnell wachsende Grenzkolonie beherrschen.
Jadar Belim gilt als pflichtbewusst und persönlich wenig bestechlich. Er ist jedoch von Beamten, Schätzern und Wachoffizieren abhängig, von denen viele am Kristallhandel verdienen. Deshalb duldet er Missstände, die er nicht beweisen oder ohne Ersatz nicht beenden kann.
Ein kleiner Inselrat aus Vertretern der Garnison, der zugelassenen Händler, der Bootsführer, der Heiler und der dauerhaften Siedler berät ihn. Die S’ziiraar’sz besitzen keinen festen Sitz und werden nur bei Verhandlungen über Grenzen oder Wasserwege hinzugezogen.
Die Verwaltung vergibt Aufenthaltsgenehmigungen, Schürfrechte und Bauplätze. Da Stürme Karten und Grenzmarken verändern, überschneiden sich viele Ansprüche. Ein besonderes Schiedsgericht entscheidet darüber, soweit die Wachen seine Urteile durchsetzen können.
Die Baumkristalle
Maraos Baumkristalle stammen aus einem alten magischen Wald, der durch Absenkung und Überflutung unter Schlamm, Sand und Mangrovenwurzeln begraben wurde.
Die größten Fundstellen liegen in versunkenen Stämmen, ehemaligen Bodenschichten und flachen Gruben der inneren Lagune. Schürfer graben bei Ebbe, tauchen in trübem Wasser oder spülen Schlamm durch engmaschige Siebe. Jede Methode ist gefährlich: Gruben brechen ein, Strömungen ändern sich und Raubtiere werden vom Lärm angelockt.
Amal beansprucht alle größeren Vorkommen als Staatseigentum. Lizenznehmer dürfen bestimmte Felder bearbeiten und müssen einen erheblichen Teil ihrer Funde abgeben. Die Werkstätten Nord-Vanuas verlangen bevorzugten Zugang, während Händler Faruks für unregistrierte Kristalle hohe Preise zahlen.
Das Kristallfieber treibt bei jedem Fundgerücht Dutzende Boote in geschützte Gebiete. Mangroven werden gefällt, Brutgewässer trockengelegt und heilige Stätten geöffnet. Manche Expeditionen kehren reich zurück; weit mehr verlieren Geld, Gesundheit oder Leben.
Die S’ziiraar’sz
Die amphibischen Siedlungen der S’ziiraar’sz verbinden trockene Plattformen mit überfluteten Wohnbereichen, Brutbecken und Gehegen für Krebse. Ihre Bewohner fischen, sammeln Sumpfpflanzen und bewegen sich auch durch Kanäle, die für amalische Boote unpassierbar sind.
Die magisch begabten Murgugus führen die Gemeinschaften. Mit zunehmendem Alter werden sie groß und beinahe unbeweglich, stehen aber telepathisch mit anderen Stammesoberhäuptern in Verbindung. Warnungen verbreiten sich dadurch schneller, als die Kolonialverwaltung vermutet.
Für viele S’ziiraar’sz sind die versunkenen Wälder Orte der Ahnen und Wassergeister. Bestimmte Haine und Wurzelhöhlen dürfen nicht geöffnet werden, doch amalische Lizenzen berücksichtigen diese Grenzen nur teilweise.
Die Beziehungen reichen von Handel bis zu offenem Widerstand. S’ziiraar’sz bieten Fisch, Heilpflanzen und Lotsendienste an, andere greifen unerlaubt eindringende Schürfer an. Jadar Belim versucht, mit dem Murgugu der inneren Lagune sichere Fahrwege und geschützte Gebiete festzulegen.
Bevölkerung und Gesellschaft
Zur dauerhaften Bevölkerung gehören Soldaten, Seeleute, Beamte, Händler, Handwerker, Heiler und Bootsführer. Frauen und Männer können alle Berufe, Ämter und militärischen Ränge ausüben.
Glücksritter, Schuldner, entlaufene Arbeiter, ehemalige Piraten und unabhängige Magier bilden eine weit größere wechselnde Bevölkerung. Viele reisen nach einer erfolglosen Saison ab; andere können ihre Rückfahrt nicht mehr bezahlen.
Im befestigten Kern zählen Herkunft und amalischer Rang, auf den äußeren Plattformen Geld, nützliche Fähigkeiten und eine verlässliche Bootsbesatzung. Wer ohne Kontakte ankommt, gerät leicht in Schulden.
Sklaverei und Zwangsarbeit bestehen in der amalischen Kolonialwirtschaft fort. Offiziell sollen Sträflinge und Schuldarbeiter nicht in ungesicherten Kristallfeldern eingesetzt werden. Händler umgehen diese Vorschrift durch Arbeitsverträge, die Betroffene kaum erfüllen können. Jadar Belim versucht die schlimmsten Fälle zu verfolgen, ohne das System grundsätzlich infrage zu stellen.
Wirtschaft und Versorgung
Neben Baumkristall liefert Marao Fische, Krebse, seltene Sumpfpflanzen, Gifte und Heilmittel. Der Einschlag von Mangrovenholz für Pfähle und Boote ist inzwischen streng begrenzt.
Fast alle Grundnahrungsmittel, Werkzeuge, Stoffe und Metalle müssen eingeführt werden. Versorgungsschiffe aus Amal, Avali und Nord-Vanua bringen Reis, Mais, Trockenfleisch, Trinkwasser und Baumaterial. In den Sturmzeiten steigen die Preise stark.
Zölle, staatliche Abgaben und Kredite für Ausrüstung, Unterkunft und Lizenzen bringen einen großen Teil des legalen Geschäfts unter die Kontrolle weniger Kontore.
Schmuggler verlassen Marao nachts durch Nebenrinnen und treffen außerhalb des Atolls auf Schiffe aus Faruk. Bestechung und die unübersichtlichen Wasserwege machen eine vollständige Kontrolle unmöglich.
Magie
Heilmagie ist wegen Fiebern und verseuchten Wunden besonders gefragt. Das Lazarett verbindet Zauber mit Heilpflanzenwissen der S’ziiraar’sz. Diese Zusammenarbeit ist erfolgreich, wird aber von manchen amalischen Priestern und Ärzten misstrauisch betrachtet.
Artefaktkundige aus Nord-Vanua prüfen Funde und bereiten sie für den Transport vor; mächtige Zauber werden meist erst dort oder in Amal gebunden. Heimliche, unsachgemäße Versuche auf Marao verursachten bereits Brände und magische Unfälle.
Die Magie der Murgugus ist wenig verstanden. Amalische Gelehrte vermuten eine Verbindung von Geist-, Wasser- und Naturmagie. Die S’ziiraar’sz erklären nicht, wie ihre Oberhäupter über große Entfernungen miteinander sprechen oder ob die Lagune selbst diese Verbindung verstärkt.
Geschichte
Die S’ziiraar’sz besiedeln Maraos Lagunen seit vielen Jahrhunderten. Ihre Überlieferungen berichten von einem mächtigen Wald, der langsam im Meer versank; ob natürliche Absenkung, eine Katastrophe oder Magie dafür verantwortlich waren, ist unbekannt.
Amal errichtete auf dem Korallenrücken einen Signalturm, einen Versorgungsplatz und später die heutige Garnison. Krankheiten und Stürme verhinderten lange einen größeren Ausbau. Die Beziehungen zu den S’ziiraar’sz blieben örtlich begrenzt und überwiegend friedlich.
Vor wenigen Jahren entdeckten Arbeiter beim Ersetzen eines Pfahls Baumkristall. Weitere Funde lösten das Kristallfieber aus; seitdem wächst Maraowacht schneller als seine Stege, Wasserhöfe und Verwaltung. Expeditionen dringen immer weiter in die innere Lagune vor, während Faruk und Nord-Vanua um Zugang zu den Vorkommen konkurrieren.
Marao in der Gegenwart
Jadar Belim hat mehrere empfindliche Gebiete vorläufig gesperrt, doch Händler in Amal verlangen ihre Freigabe. Gleichzeitig verschwinden Expeditionen in der inneren Lagune, und die Murgugus antworten nur noch selten auf Verhandlungsangebote.
Der Signalturm meldete mehrfach unbekannte Segel im Westen und Osten. Manche Offiziere vermuten die bereits im Südmeer beobachtete fremde Flotte, andere eine Ablenkung durch Schmuggler.
Bedeutende Orte und Personen
- Maraowacht: amalische Pfahlkolonie und Zentrum des Baumkristallhandels.
- Hauptsteg: belebte Hauptstraße zwischen Bootsanleger, Markt und Garnison.
- Kristallmarkt: amtliche Prüfung, Registrierung und Versteigerung von Funden.
- Signalturm: wichtigste Warnstation der östlichen Inselgruppe.
- Äußere Plattformen: ungeplante Quartiere der Glücksritter und Saisonarbeiter.
- Innere Lagune: Gebiet der größten Fundstellen und zahlreicher S’ziiraar’sz-Siedlungen.
- Jadar Belim: amalischer Gouverneur und ehemaliger Versorgungsoffizier.
- Der Murgugu der inneren Lagune: magisch begabtes Oberhaupt und wichtigster Verhandlungspartner der Kolonie.
Gerüchte und Abenteuerideen
- Eine Glücksritterin findet einen Baumkristall, in dessen Innerem die Umrisse eines winzigen lebenden Keims zu erkennen sind. Amal, Nord-Vanua und die S’ziiraar’sz beanspruchen den Fund.
- Der Murgugu der inneren Lagune warnt telepathisch vor einer Sturmflut, die erst in mehreren Wochen eintreffen soll. Jadar Belim muss entscheiden, ob er Maraowacht räumen lässt.
- Mehrere zugelassene Schätzer ersetzen hochwertige Kristalle durch gefärbtes Harz und schmuggeln die echten Stücke nach Faruk.
- Eine versunkene Wurzelhöhle wird geöffnet. Darin liegen Baumkristalle von ungewöhnlicher Reinheit und Zeichen, die auf eine alte magische Siedlung hindeuten.
- Ein neuer Hauptsteg bricht zusammen, obwohl seine Pfähle unbeschädigt sind. Arbeiter behaupten, etwas Großes habe sie von unten aus dem Boden gezogen.
- Ein amalisches Versorgungsschiff bringt Fieberkranke in die Kolonie. Das Lazarett ist überfüllt, und nur eine S’ziiraar’sz-Heilerin kennt ein wirksames Mittel.
- Glücksritter besetzen ein heiliges Brutgewässer und berufen sich auf eine amtliche Lizenz. Das Siegel ist echt, obwohl der Gouverneur sie nie ausgestellt hat.
- Der Signalturm sendet nachts ohne Bedienung Lichtzeichen aufs offene Meer. Kurz darauf antwortet am Horizont ein unbekanntes Schiff.
- Eine äußere Plattform reißt sich während eines Sturms los. An Bord befinden sich Dutzende Menschen und eine Kiste nicht registrierter Baumkristalle.
- In Amal wird Jadar Belims Ablösung vorbereitet. Seine mögliche Nachfolgerin verspricht den Händlern freien Abbau und eine militärische Vertreibung der S’ziiraar’sz.