Wangard: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Wangard_Erdstadt.png|mini|hochkant=1.8|Wangard unter dem Generationenwald Handur: Der gewaltige Mittelbaum, die Pilzkelche und die niedrigen Zugänge zu den Behausungen der Hügelzwerge]] | |||
'''Wangard''' ist eine verborgene Erdstadt der [[Hügelzwerge]] unter dem [[Generationenwald]] Handur. Anders als die meisten zwergischen Städte liegt sie weder in einem Berg noch in einem vollständig aus Stein geschlagenen Höhlensystem. Ihre große Hauptkammer entstand dort, wo mehrere Ebenen des Generationenwaldes fehlen. Ein Geflecht aus mächtigen Wurzeln, Erde und lebenden Baumstämmen bildet ihre Decke. Stadt und Wald sind über Jahrhunderte zu einer Lebensgemeinschaft zusammengewachsen, in der die Bewohner Wangards, gewaltige Insekten, Riesenameisen und Pilze voneinander abhängig sind. | |||
Außerhalb der Stadt gilt Wangard als sagenumwoben. Ihre genaue Lage ist nur ungefähr bekannt, und die Zugänge durch Handur werden von Reisenden kaum gefunden. Die ausführlichste Beschreibung geht auf die Erinnerungen des halblingischen Reisenden Edebold Bolgerberg zurück. Wie diese Aufzeichnungen entstanden und ob Bolgerberg ihrer Anfertigung zustimmte, ist jedoch umstritten. Daher lassen sich nicht alle Angaben über Wangard unabhängig bestätigen. | |||
== Quellenlage und Entdeckung == | |||
Nach der überlieferten Abschrift erreichten Edebold Bolgerberg und seine Gefährten als erste bekannte Fremde die große Erdkammer unter Handur. Der Text wird in einer Bibliothek zu [[Kraterkern]] verwahrt. Er soll nicht von Bolgerberg selbst niedergeschrieben worden sein, sondern mithilfe eines Zaubers, der Erinnerungen und Erfahrungen auf Pergament bindet. | |||
Mit diesem Verfahren wird [[Timion Eschmann]] in Verbindung gebracht, ein experimentierfreudiger Halblingmagier und Lehrer an der [[Akademie der Macht zu Kraterkern|Akademie zu Kraterkern]]. Er unterrichtet dort Hexerei, Neutrale Magie und Kreaturbeschwörung. Seine Neigung, mit Wahrnehmung, Erinnerungen und Halluzinationen zu arbeiten, macht die Herkunft des Berichts plausibel, wirft aber zugleich erhebliche Fragen auf. Bolgerbergs Zustimmung ist nicht belegt; auch ist unbekannt, ob die Abschrift vollständig ist oder durch den verwendeten Zauber verändert wurde. | |||
Die Genauigkeit vieler räumlicher Beobachtungen spricht dafür, dass Bolgerberg Wangard tatsächlich gesehen hat. Dennoch bleibt sein Bericht die Darstellung eines einzelnen Fremden. Die Bewohner selbst haben keine Wegbeschreibung veröffentlicht, und spätere Suchende konnten die Zugänge nicht zuverlässig wiederfinden. | |||
== Lage und Zugang == | |||
Wangard liegt in einem abgelegenen Ausläufer des [[Großer Rücken|Großen Rückens]] zwischen dem Gebirge und dem [[Halblingreich]]. Über der Stadt erhebt sich Handur, ein Generationenwald, der von außen wie ein bewaldeter Hügel wirkt. Tatsächlich besteht ein solcher Wald aus zahlreichen übereinander gewachsenen Baumebenen. In den Kronen älterer Bäume sammelt sich Erde; ihre Kronen bilden neue Wurzeln aus, auf denen wiederum eine weitere Waldschicht wächst. So können bis zu fünfzehn Ebenen und eine Gesamthöhe von mehr als 200 Schritt entstehen. | |||
Die Wege durch diese Schichten gleichen einem Labyrinth aus Wurzelgängen, Kammern, Erdlöchern und natürlichen Brücken. Nur die oberen Bereiche erhalten Tageslicht. Wer tiefer vordringt, muss nicht nur den richtigen Abstieg finden, sondern Feen, Goblins, Riesenspinnen, Riesenschlangen und andere Bewohner des Waldes umgehen. Manche Öffnungen verändern sich, wenn Wurzeln wachsen, Erde abrutscht oder neue Pflanzenschichten entstehen. Ob die Hügelzwerge feste Zugänge unterhalten oder lediglich verborgene natürliche Wege nutzen, ist nicht überliefert. | |||
Die Abgeschiedenheit schützt Wangard wirksamer als Mauern oder Tore. Selbst Reisende, die den richtigen Teil Handurs erreichen, können nur wenige Schritt von einem Zugang entfernt vorbeiziehen, ohne die Stadt zu bemerken. | |||
== Die Erdstadt == | |||
=== Die große Kammer === | |||
Die Hauptkammer ist etwa 400 Schritt breit. Sie wirkt weniger wie eine gewöhnliche Höhle als wie ein gewaltiges Erdloch, über das der lebende Wald ein Deckengewölbe gespannt hat. Dicht verflochtene Wurzeln, verdichtete Erde und die unteren Teile alter Bäume tragen die darüberliegenden Waldschichten. | |||
Im Zentrum erhebt sich ein einzelner Baum von ungefähr 80 Schritt Höhe. Sein Stamm reicht vom Boden bis in das Wurzelwerk der Decke und erinnert an den Mittelpfeiler einer riesigen Halle. Um ihn wachsen hausgroße, kelchförmige Pilze. Die einzelnen Pilzkelche liegen treppenartig übereinander und winden sich bis weit am Stamm hinauf. Sie sind Teil des natürlichen Stoffkreislaufs Wangards und zugleich ein weithin sichtbarer Mittelpunkt der Stadt. | |||
Der Boden besteht überwiegend aus Fels und festgestampfter Erde. Statt frei stehender Häuser liegen dort dicht beieinander niedrige Steinhügel mit kleinen Eingängen. Für menschliche Betrachter erinnern sie an die Hügelgräber [[:Kategorie:Borrograd|Borrograds]]. Die sichtbaren Hügel sind jedoch lediglich Eingangsbauten. Dahinter führen Stollen hinab zu Wohnräumen, Vorratskammern und Werkstätten. | |||
=== Licht und Symbiose === | |||
Ein tiefgrünes Leuchten erfüllt die Kammer. Es stammt von großen, tropfenförmigen Wesen, die im Wurzelwerk der Decke sitzen. Was aus der Entfernung wie leuchtende Fruchtkörper erscheint, sind bei näherer Betrachtung menschengroße, schwere Insekten. Sie sondern fortwährend einen leuchtenden Schleim ab. | |||
Hunderte [[Ameise (groß)|Riesenameisen]] sammeln die Substanz und tragen sie zu den Pilzkelchen am Mittelbaum. Dort wird sie abgelagert und verändert sich zu einer süßen, leicht gärenden Flüssigkeit. Die Hügelzwerge haben einzelne Kelche unauffällig angezapft. Über kleine Leitungen und Hähne gewinnen sie einen Teil der Flüssigkeit, ohne den Arbeitsablauf der Ameisen wesentlich zu stören. | |||
Die Substanz dient als Grundstoff verschiedener Speisen und Getränke, darunter auch das berühmte Bier der Hügelzwerge. Für Besucher wirkt dieses Verfahren befremdlich; den Wangardern gilt es offenbar als gewöhnlicher Teil ihrer Umwelt. Sie beherrschen nicht den gesamten Lebensraum, sondern entnehmen ihm nur so viel, dass das Gleichgewicht zwischen Insekten, Ameisen, Pilzen, Wald und Stadt erhalten bleibt. | |||
Wie diese Lebensgemeinschaft entstand, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist geklärt, ob die Hügelzwerge sie bewusst schufen oder über Generationen lernten, eine bereits vorhandene Verbindung zu nutzen. | |||
== Wohnstätten und Werkstätten == | |||
Unter den Steinhügeln erstrecken sich weitläufige Tunnelsysteme, die teilweise über den Grundriss der sichtbaren Hauptkammer hinausreichen. Wohnbereiche, Lagerräume und Werkstätten liegen nicht streng voneinander getrennt. Dies entspricht der allgemeinen Bauweise der Hügelzwerge, deren Häuser innerhalb einer Siedlung häufig miteinander verbunden sind und gemeinschaftlich genutzte unterirdische Räume besitzen. | |||
Wangard ist besonders für Holz- und Steinarbeiten bekannt. Die Handwerker verwenden Hölzer, die nur in den unteren Ebenen Handurs oder in der Erde unter dem Wald wachsen. Selbst alltägliche Gegenstände wie Schalen, Becher oder Essgerät können deshalb an Färbung, Maserung und ungewöhnlichem Wuchs erkannt werden. Spezielle Öle und Balsame machen viele Arbeiten außerordentlich haltbar. | |||
Den Meistern Wangards genügt nicht, dass ein Gegenstand seinen Zweck erfüllt. Sie suchen nach einem Werkstück, dessen Struktur, Verästelung oder Wuchs bereits eine bestimmte Form nahelegt. Die Bearbeitung soll diese Form vollenden, statt sie dem Material aufzuzwingen. Dadurch entstehen Einzelstücke, die sich nur schwer nachahmen lassen. Auch Steinmetzarbeiten, Reliefs und kleine Bildwerke gehören zum Handwerk der Hügelzwerge, doch der Reisebericht hebt vor allem die ungewöhnlichen Hölzer Wangards hervor. | |||
Offene Feuer dürften in der Wurzelkammer eine besondere Gefahr darstellen. Sichtbare Arbeitsplätze werden daher durch kleine, kontrollierte Lichtquellen erhellt; über die genaue Belüftung tieferer Schmieden oder Kochstellen ist nichts bekannt. Möglicherweise liegen Arbeiten mit starker Hitze in abgetrennten Stollen, doch dies bleibt eine naheliegende Vermutung und ist nicht belegt. | |||
== Bevölkerung und Alltag == | |||
Wangard wird von Hügelzwergen bewohnt, die sich weitgehend unabhängig von den menschlichen Siedlungen des Mittelreichs und den übrigen Zwergenvölkern entwickelt haben. Eine Einwohnerzahl ist in Bolgerbergs Bericht nicht überliefert. Ebenso fehlen verlässliche Angaben zu einem Herrscher, einem Stadtrat oder festen Ämtern. Beobachtet wurden Sippen, Werkstätten und gemeinschaftlich gepflegte Anlagen. | |||
Die Bewohner gelten wie viele Hügelzwerge als friedfertig, arbeitsam und gesprächig. Magisch Begabte genießen bei ihrem Volk hohes Ansehen und übernehmen häufig die Rolle von Weisen. Ob Wangard eine eigene Schule oder einen festen Kreis solcher Weisen besitzt, ist unbekannt. | |||
Das gleichmäßige grüne Licht lässt Tag und Nacht, Sommer und Winter in der Hauptkammer ihre Bedeutung verlieren. Nach längerem Aufenthalt fällt es Fremden schwer, den Ablauf der Zeit einzuschätzen. Offenbar richten die Bewohner ihren Alltag stärker nach Arbeitsgängen, Ruhezeiten und den Vorgängen an den Pilzkelchen als nach dem Stand der Sonne. | |||
Gerade diese Beständigkeit kann jedoch Unruhe hervorrufen. Immer wieder suchen Hügelzwerge aus Neugier oder Überdruss den Weg zur Oberfläche. Manche schließen sich Reisenden an oder lassen sich später in den [[Täler des Großen Rückens|Tälern des Großen Rückens]] nieder. Solche Wanderer bilden zugleich eine der wenigen Verbindungen zwischen Wangard und der Außenwelt. | |||
== Handel und Beziehungen == | |||
Die Wangarder zeigen nur geringes Interesse an Handel im üblichen Sinn. Gold und Silber scheinen für sie weniger wichtig zu sein als ein nachvollziehbarer Bedarf, ein gutes Rohmaterial oder der persönliche Grund, etwas herzustellen. Nach dem Reisebericht kann ein überzeugendes Anliegen genügen, damit ein Handwerker ein Werkstück anfertigt und weitergibt. | |||
Den regelmäßigen Austausch übernehmen vor allem kleinere Gruppen von Hügelzwergen, die unter Menschen in den Tälern des Großen Rückens leben. Sie handeln mit Möbeln, Holzarbeiten, Steinmetzerzeugnissen und Bier und beschaffen im Gegenzug Waren, die in Wangard nicht hergestellt werden. Auf diese Weise können einzelne Erzeugnisse der verborgenen Stadt bis in das Mittelreich gelangen, ohne dass ihre Käufer wissen, wo sie gefertigt wurden. | |||
== Magie und Natur == | |||
In Wangard sind natürliche und möglicherweise magische Vorgänge schwer voneinander zu trennen. Der Generationenwald selbst kommt ohne gewöhnliche Photosynthese in seinen unteren Schichten aus und bildet gewaltige, lebende Kammern. Die Herkunft des grünen Leuchtens und die Verarbeitung der Insektenausscheidungen durch Ameisen und Pilze werden im Bericht als natürliche Lebensvorgänge beschrieben. | |||
Ein früherer Einfall von [[Tagtraumschmetterling|Tagtraumschmetterlingen]] legt dennoch einen Bezug zur Naturmagie nahe. Diese magischen Falter treten häufig in der Nähe von Zauberknoten der [[Naturmagie]] auf. Ob sich in oder bei Wangard tatsächlich ein solcher Knoten befindet, ist damit nicht bewiesen. Möglich ist ebenso, dass die Schmetterlinge von der ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft oder von einer anderen Erscheinung Handurs angezogen wurden. | |||
Für Gelehrte wäre Wangard ein außergewöhnlicher Forschungsort. Für seine Bewohner könnte eine solche Untersuchung jedoch wie ein gefährlicher Eingriff in ein empfindliches Gleichgewicht wirken. | |||
== | == Bedrohungen und Verteidigung == | ||
Die friedliche Atmosphäre der Erdkammer täuscht über zahlreiche Gefahren hinweg. [[Baumhummer]] können aus höheren Waldschichten eindringen und mit ihren Scheren und Schwanzzangen selbst große Gegner in die Baumkronen ziehen. [[Waldwurm|Waldwürmer]] untergraben Ruheplätze und versuchen, ihre Beute in die Erde zu zerren. [[Blutschwärmer]] suchen geschützte Stellen für ihre Brutkammern und können in einer Kolonie bis zu zweihundert Tiere umfassen. | |||
Nach einem ungewöhnlich warmen Winter gelangten einmal Hunderte Tagtraumschmetterlinge in die Kammer. Ihre magische Wirkung brachte die Arbeit nahezu vollständig zum Erliegen. Heimkehrende Hügelzwerge berichteten, Wochen oder sogar Monde seien vergangen, ohne dass die Bewohner dies bemerkt hätten. Ob diese Zeitangabe wörtlich zu verstehen ist oder die allgemeine Orientierungslosigkeit in Wangard beschreibt, bleibt unklar. | |||
Die größte bekannte Gefahr geht von [[Baumdrache|Baumdrachen]] aus. Mannsgroße Lücken in der Wurzeldecke verbinden die Stadt mit den tiefen Ebenen Handurs. Die gut getarnten, hochintelligenten Drachen können sich zwischen den Stämmen verbergen und Wangard von oben erreichen. Einige speien Feuer oder Gift; schon ein einzelner Feuerstoß könnte die Wurzeln und damit die tragende Struktur der Stadt bedrohen. | |||
Wie die Wangarder ihre Stadt verteidigen, ist nur in Ansätzen bekannt. Hügelzwerge vermeiden Kriege, sind aber geschickte Fernkämpfer und verwenden unter anderem Kurzbögen, Fallen und Stabschleudern. In den engen Gängen und zwischen den niedrigen Eingängen können sie ihre Ortskenntnis nutzen. Gegen einen Baumdrachen dürfte dennoch vor allem gelten, ihn frühzeitig zu entdecken und von der Hauptkammer fernzuhalten. | |||
== Gerüchte und Abenteuerideen == | |||
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[[ | * Eine neue Abschrift von Edebold Bolgerbergs Erinnerungen unterscheidet sich an entscheidenden Stellen von der Fassung in Kraterkern. Timion Eschmann bestreitet, eine zweite Niederschrift angefertigt zu haben. | ||
[[ | * Ein Händler besitzt mehrere zweifelsfrei wangardische Holzarbeiten, obwohl seit Jahren keine bekannte Gruppe von Hügelzwergen aus Handur zurückgekehrt ist. | ||
[[ | * Die Ameisen meiden plötzlich einen der großen Pilzkelche. Die dort gesammelte Flüssigkeit leuchtet heller als zuvor und löst bei einigen Bewohnern fremde Erinnerungen aus. | ||
* Ein Riss in der Wurzeldecke wächst von Nacht zu Nacht. Die Hügelzwerge müssen entscheiden, ob sie ihn schließen oder als neuen Weg zur Oberfläche nutzen wollen. | |||
* Tagtraumschmetterlinge sammeln sich erneut in Handur. Ein Naturmagier vermutet einen Zauberknoten unter dem Mittelbaum, doch jede Untersuchung könnte das Gleichgewicht Wangards stören. | |||
* Ein junger Baumdrache beobachtet die Stadt seit mehreren Tagen, ohne anzugreifen. Einige Wangarder wollen ihn vertreiben, andere glauben, dass er vor einer größeren Gefahr flieht. | |||
== Siehe auch == | |||
* [[Hügelzwerge]] | |||
* [[Generationenwald]] | |||
* [[Täler des Großen Rückens]] | |||
* [[Halblingreich]] | |||
* [[Kraterkern]] | |||
* [[Timion Eschmann]] | |||
Aktuelle Version vom 10. August 2026, 21:33 Uhr

Wangard ist eine verborgene Erdstadt der Hügelzwerge unter dem Generationenwald Handur. Anders als die meisten zwergischen Städte liegt sie weder in einem Berg noch in einem vollständig aus Stein geschlagenen Höhlensystem. Ihre große Hauptkammer entstand dort, wo mehrere Ebenen des Generationenwaldes fehlen. Ein Geflecht aus mächtigen Wurzeln, Erde und lebenden Baumstämmen bildet ihre Decke. Stadt und Wald sind über Jahrhunderte zu einer Lebensgemeinschaft zusammengewachsen, in der die Bewohner Wangards, gewaltige Insekten, Riesenameisen und Pilze voneinander abhängig sind.
Außerhalb der Stadt gilt Wangard als sagenumwoben. Ihre genaue Lage ist nur ungefähr bekannt, und die Zugänge durch Handur werden von Reisenden kaum gefunden. Die ausführlichste Beschreibung geht auf die Erinnerungen des halblingischen Reisenden Edebold Bolgerberg zurück. Wie diese Aufzeichnungen entstanden und ob Bolgerberg ihrer Anfertigung zustimmte, ist jedoch umstritten. Daher lassen sich nicht alle Angaben über Wangard unabhängig bestätigen.
Quellenlage und Entdeckung
Nach der überlieferten Abschrift erreichten Edebold Bolgerberg und seine Gefährten als erste bekannte Fremde die große Erdkammer unter Handur. Der Text wird in einer Bibliothek zu Kraterkern verwahrt. Er soll nicht von Bolgerberg selbst niedergeschrieben worden sein, sondern mithilfe eines Zaubers, der Erinnerungen und Erfahrungen auf Pergament bindet.
Mit diesem Verfahren wird Timion Eschmann in Verbindung gebracht, ein experimentierfreudiger Halblingmagier und Lehrer an der Akademie zu Kraterkern. Er unterrichtet dort Hexerei, Neutrale Magie und Kreaturbeschwörung. Seine Neigung, mit Wahrnehmung, Erinnerungen und Halluzinationen zu arbeiten, macht die Herkunft des Berichts plausibel, wirft aber zugleich erhebliche Fragen auf. Bolgerbergs Zustimmung ist nicht belegt; auch ist unbekannt, ob die Abschrift vollständig ist oder durch den verwendeten Zauber verändert wurde.
Die Genauigkeit vieler räumlicher Beobachtungen spricht dafür, dass Bolgerberg Wangard tatsächlich gesehen hat. Dennoch bleibt sein Bericht die Darstellung eines einzelnen Fremden. Die Bewohner selbst haben keine Wegbeschreibung veröffentlicht, und spätere Suchende konnten die Zugänge nicht zuverlässig wiederfinden.
Lage und Zugang
Wangard liegt in einem abgelegenen Ausläufer des Großen Rückens zwischen dem Gebirge und dem Halblingreich. Über der Stadt erhebt sich Handur, ein Generationenwald, der von außen wie ein bewaldeter Hügel wirkt. Tatsächlich besteht ein solcher Wald aus zahlreichen übereinander gewachsenen Baumebenen. In den Kronen älterer Bäume sammelt sich Erde; ihre Kronen bilden neue Wurzeln aus, auf denen wiederum eine weitere Waldschicht wächst. So können bis zu fünfzehn Ebenen und eine Gesamthöhe von mehr als 200 Schritt entstehen.
Die Wege durch diese Schichten gleichen einem Labyrinth aus Wurzelgängen, Kammern, Erdlöchern und natürlichen Brücken. Nur die oberen Bereiche erhalten Tageslicht. Wer tiefer vordringt, muss nicht nur den richtigen Abstieg finden, sondern Feen, Goblins, Riesenspinnen, Riesenschlangen und andere Bewohner des Waldes umgehen. Manche Öffnungen verändern sich, wenn Wurzeln wachsen, Erde abrutscht oder neue Pflanzenschichten entstehen. Ob die Hügelzwerge feste Zugänge unterhalten oder lediglich verborgene natürliche Wege nutzen, ist nicht überliefert.
Die Abgeschiedenheit schützt Wangard wirksamer als Mauern oder Tore. Selbst Reisende, die den richtigen Teil Handurs erreichen, können nur wenige Schritt von einem Zugang entfernt vorbeiziehen, ohne die Stadt zu bemerken.
Die Erdstadt
Die große Kammer
Die Hauptkammer ist etwa 400 Schritt breit. Sie wirkt weniger wie eine gewöhnliche Höhle als wie ein gewaltiges Erdloch, über das der lebende Wald ein Deckengewölbe gespannt hat. Dicht verflochtene Wurzeln, verdichtete Erde und die unteren Teile alter Bäume tragen die darüberliegenden Waldschichten.
Im Zentrum erhebt sich ein einzelner Baum von ungefähr 80 Schritt Höhe. Sein Stamm reicht vom Boden bis in das Wurzelwerk der Decke und erinnert an den Mittelpfeiler einer riesigen Halle. Um ihn wachsen hausgroße, kelchförmige Pilze. Die einzelnen Pilzkelche liegen treppenartig übereinander und winden sich bis weit am Stamm hinauf. Sie sind Teil des natürlichen Stoffkreislaufs Wangards und zugleich ein weithin sichtbarer Mittelpunkt der Stadt.
Der Boden besteht überwiegend aus Fels und festgestampfter Erde. Statt frei stehender Häuser liegen dort dicht beieinander niedrige Steinhügel mit kleinen Eingängen. Für menschliche Betrachter erinnern sie an die Hügelgräber Borrograds. Die sichtbaren Hügel sind jedoch lediglich Eingangsbauten. Dahinter führen Stollen hinab zu Wohnräumen, Vorratskammern und Werkstätten.
Licht und Symbiose
Ein tiefgrünes Leuchten erfüllt die Kammer. Es stammt von großen, tropfenförmigen Wesen, die im Wurzelwerk der Decke sitzen. Was aus der Entfernung wie leuchtende Fruchtkörper erscheint, sind bei näherer Betrachtung menschengroße, schwere Insekten. Sie sondern fortwährend einen leuchtenden Schleim ab.
Hunderte Riesenameisen sammeln die Substanz und tragen sie zu den Pilzkelchen am Mittelbaum. Dort wird sie abgelagert und verändert sich zu einer süßen, leicht gärenden Flüssigkeit. Die Hügelzwerge haben einzelne Kelche unauffällig angezapft. Über kleine Leitungen und Hähne gewinnen sie einen Teil der Flüssigkeit, ohne den Arbeitsablauf der Ameisen wesentlich zu stören.
Die Substanz dient als Grundstoff verschiedener Speisen und Getränke, darunter auch das berühmte Bier der Hügelzwerge. Für Besucher wirkt dieses Verfahren befremdlich; den Wangardern gilt es offenbar als gewöhnlicher Teil ihrer Umwelt. Sie beherrschen nicht den gesamten Lebensraum, sondern entnehmen ihm nur so viel, dass das Gleichgewicht zwischen Insekten, Ameisen, Pilzen, Wald und Stadt erhalten bleibt.
Wie diese Lebensgemeinschaft entstand, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist geklärt, ob die Hügelzwerge sie bewusst schufen oder über Generationen lernten, eine bereits vorhandene Verbindung zu nutzen.
Wohnstätten und Werkstätten
Unter den Steinhügeln erstrecken sich weitläufige Tunnelsysteme, die teilweise über den Grundriss der sichtbaren Hauptkammer hinausreichen. Wohnbereiche, Lagerräume und Werkstätten liegen nicht streng voneinander getrennt. Dies entspricht der allgemeinen Bauweise der Hügelzwerge, deren Häuser innerhalb einer Siedlung häufig miteinander verbunden sind und gemeinschaftlich genutzte unterirdische Räume besitzen.
Wangard ist besonders für Holz- und Steinarbeiten bekannt. Die Handwerker verwenden Hölzer, die nur in den unteren Ebenen Handurs oder in der Erde unter dem Wald wachsen. Selbst alltägliche Gegenstände wie Schalen, Becher oder Essgerät können deshalb an Färbung, Maserung und ungewöhnlichem Wuchs erkannt werden. Spezielle Öle und Balsame machen viele Arbeiten außerordentlich haltbar.
Den Meistern Wangards genügt nicht, dass ein Gegenstand seinen Zweck erfüllt. Sie suchen nach einem Werkstück, dessen Struktur, Verästelung oder Wuchs bereits eine bestimmte Form nahelegt. Die Bearbeitung soll diese Form vollenden, statt sie dem Material aufzuzwingen. Dadurch entstehen Einzelstücke, die sich nur schwer nachahmen lassen. Auch Steinmetzarbeiten, Reliefs und kleine Bildwerke gehören zum Handwerk der Hügelzwerge, doch der Reisebericht hebt vor allem die ungewöhnlichen Hölzer Wangards hervor.
Offene Feuer dürften in der Wurzelkammer eine besondere Gefahr darstellen. Sichtbare Arbeitsplätze werden daher durch kleine, kontrollierte Lichtquellen erhellt; über die genaue Belüftung tieferer Schmieden oder Kochstellen ist nichts bekannt. Möglicherweise liegen Arbeiten mit starker Hitze in abgetrennten Stollen, doch dies bleibt eine naheliegende Vermutung und ist nicht belegt.
Bevölkerung und Alltag
Wangard wird von Hügelzwergen bewohnt, die sich weitgehend unabhängig von den menschlichen Siedlungen des Mittelreichs und den übrigen Zwergenvölkern entwickelt haben. Eine Einwohnerzahl ist in Bolgerbergs Bericht nicht überliefert. Ebenso fehlen verlässliche Angaben zu einem Herrscher, einem Stadtrat oder festen Ämtern. Beobachtet wurden Sippen, Werkstätten und gemeinschaftlich gepflegte Anlagen.
Die Bewohner gelten wie viele Hügelzwerge als friedfertig, arbeitsam und gesprächig. Magisch Begabte genießen bei ihrem Volk hohes Ansehen und übernehmen häufig die Rolle von Weisen. Ob Wangard eine eigene Schule oder einen festen Kreis solcher Weisen besitzt, ist unbekannt.
Das gleichmäßige grüne Licht lässt Tag und Nacht, Sommer und Winter in der Hauptkammer ihre Bedeutung verlieren. Nach längerem Aufenthalt fällt es Fremden schwer, den Ablauf der Zeit einzuschätzen. Offenbar richten die Bewohner ihren Alltag stärker nach Arbeitsgängen, Ruhezeiten und den Vorgängen an den Pilzkelchen als nach dem Stand der Sonne.
Gerade diese Beständigkeit kann jedoch Unruhe hervorrufen. Immer wieder suchen Hügelzwerge aus Neugier oder Überdruss den Weg zur Oberfläche. Manche schließen sich Reisenden an oder lassen sich später in den Tälern des Großen Rückens nieder. Solche Wanderer bilden zugleich eine der wenigen Verbindungen zwischen Wangard und der Außenwelt.
Handel und Beziehungen
Die Wangarder zeigen nur geringes Interesse an Handel im üblichen Sinn. Gold und Silber scheinen für sie weniger wichtig zu sein als ein nachvollziehbarer Bedarf, ein gutes Rohmaterial oder der persönliche Grund, etwas herzustellen. Nach dem Reisebericht kann ein überzeugendes Anliegen genügen, damit ein Handwerker ein Werkstück anfertigt und weitergibt.
Den regelmäßigen Austausch übernehmen vor allem kleinere Gruppen von Hügelzwergen, die unter Menschen in den Tälern des Großen Rückens leben. Sie handeln mit Möbeln, Holzarbeiten, Steinmetzerzeugnissen und Bier und beschaffen im Gegenzug Waren, die in Wangard nicht hergestellt werden. Auf diese Weise können einzelne Erzeugnisse der verborgenen Stadt bis in das Mittelreich gelangen, ohne dass ihre Käufer wissen, wo sie gefertigt wurden.
Magie und Natur
In Wangard sind natürliche und möglicherweise magische Vorgänge schwer voneinander zu trennen. Der Generationenwald selbst kommt ohne gewöhnliche Photosynthese in seinen unteren Schichten aus und bildet gewaltige, lebende Kammern. Die Herkunft des grünen Leuchtens und die Verarbeitung der Insektenausscheidungen durch Ameisen und Pilze werden im Bericht als natürliche Lebensvorgänge beschrieben.
Ein früherer Einfall von Tagtraumschmetterlingen legt dennoch einen Bezug zur Naturmagie nahe. Diese magischen Falter treten häufig in der Nähe von Zauberknoten der Naturmagie auf. Ob sich in oder bei Wangard tatsächlich ein solcher Knoten befindet, ist damit nicht bewiesen. Möglich ist ebenso, dass die Schmetterlinge von der ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft oder von einer anderen Erscheinung Handurs angezogen wurden.
Für Gelehrte wäre Wangard ein außergewöhnlicher Forschungsort. Für seine Bewohner könnte eine solche Untersuchung jedoch wie ein gefährlicher Eingriff in ein empfindliches Gleichgewicht wirken.
Bedrohungen und Verteidigung
Die friedliche Atmosphäre der Erdkammer täuscht über zahlreiche Gefahren hinweg. Baumhummer können aus höheren Waldschichten eindringen und mit ihren Scheren und Schwanzzangen selbst große Gegner in die Baumkronen ziehen. Waldwürmer untergraben Ruheplätze und versuchen, ihre Beute in die Erde zu zerren. Blutschwärmer suchen geschützte Stellen für ihre Brutkammern und können in einer Kolonie bis zu zweihundert Tiere umfassen.
Nach einem ungewöhnlich warmen Winter gelangten einmal Hunderte Tagtraumschmetterlinge in die Kammer. Ihre magische Wirkung brachte die Arbeit nahezu vollständig zum Erliegen. Heimkehrende Hügelzwerge berichteten, Wochen oder sogar Monde seien vergangen, ohne dass die Bewohner dies bemerkt hätten. Ob diese Zeitangabe wörtlich zu verstehen ist oder die allgemeine Orientierungslosigkeit in Wangard beschreibt, bleibt unklar.
Die größte bekannte Gefahr geht von Baumdrachen aus. Mannsgroße Lücken in der Wurzeldecke verbinden die Stadt mit den tiefen Ebenen Handurs. Die gut getarnten, hochintelligenten Drachen können sich zwischen den Stämmen verbergen und Wangard von oben erreichen. Einige speien Feuer oder Gift; schon ein einzelner Feuerstoß könnte die Wurzeln und damit die tragende Struktur der Stadt bedrohen.
Wie die Wangarder ihre Stadt verteidigen, ist nur in Ansätzen bekannt. Hügelzwerge vermeiden Kriege, sind aber geschickte Fernkämpfer und verwenden unter anderem Kurzbögen, Fallen und Stabschleudern. In den engen Gängen und zwischen den niedrigen Eingängen können sie ihre Ortskenntnis nutzen. Gegen einen Baumdrachen dürfte dennoch vor allem gelten, ihn frühzeitig zu entdecken und von der Hauptkammer fernzuhalten.
Gerüchte und Abenteuerideen
- Eine neue Abschrift von Edebold Bolgerbergs Erinnerungen unterscheidet sich an entscheidenden Stellen von der Fassung in Kraterkern. Timion Eschmann bestreitet, eine zweite Niederschrift angefertigt zu haben.
- Ein Händler besitzt mehrere zweifelsfrei wangardische Holzarbeiten, obwohl seit Jahren keine bekannte Gruppe von Hügelzwergen aus Handur zurückgekehrt ist.
- Die Ameisen meiden plötzlich einen der großen Pilzkelche. Die dort gesammelte Flüssigkeit leuchtet heller als zuvor und löst bei einigen Bewohnern fremde Erinnerungen aus.
- Ein Riss in der Wurzeldecke wächst von Nacht zu Nacht. Die Hügelzwerge müssen entscheiden, ob sie ihn schließen oder als neuen Weg zur Oberfläche nutzen wollen.
- Tagtraumschmetterlinge sammeln sich erneut in Handur. Ein Naturmagier vermutet einen Zauberknoten unter dem Mittelbaum, doch jede Untersuchung könnte das Gleichgewicht Wangards stören.
- Ein junger Baumdrache beobachtet die Stadt seit mehreren Tagen, ohne anzugreifen. Einige Wangarder wollen ihn vertreiben, andere glauben, dass er vor einer größeren Gefahr flieht.